Neben vollen Straßen dreht sich auch in Moskaus Messezentren alles rund ums Automobil

Das Prestige-Objekt Nr.1 in Russland, das Automobil und alles was rund herum dazugehört, braucht Platz. So fanden vom 27. bis 30. August 2012 zwei der wichtigsten Fachmessen der osteuropäischen Automobilbranche in Moskau statt: die MIMS Automechanika Moskau, die führende Fachmesse für Automobilprodukte in Russland und den GUS-Ländern, sowie die internationale Messe Interauto, eine Unterausstellung des Moscow International Automobile Salons, welche sich an Zulieferer der Automobilindustrie richtet. Letztes Jahr noch als Partnerausstellungen gemeinsam auf dem Crocus-Expo-Gelände wurden die MIMS Automechanika und die Interauto dieses Jahr an zwei separaten Messezentren veranstaltet. Unter den zahlreichen Ausstellern auf der MIMS Automechanika im Expocentre Moskau waren auch knapp 30 Aussteller aus Deutschland mit Qualitätsprodukten und Dienstleistungen vertreten. Zwölf von ihnen wurden direkt auf der Messe zu ihren aktuellen Russlandgeschäften sowie den Chancen und den Risiken ausländischer Unternehmen im flächenmäßig größten Markt der Welt befragt.

Alljährlich gegen Ende des Sommers ist Moskau Schauplatz der Automobilbranche in Osteuropa. Aufgeteilt war die MIMS Automechanika Moskau 2012 in vier große Bereiche: Autoteile und Komponenten, Autozubehör, Kfz-Reparatur und Wartung sowie alles für die Tankstellenbetreibung. Zu finden waren unter anderem Motoren, Fahrwerksteile, Bremssysteme, Batterien und Ladegeräte sowie Anti-Rost-Produkte, Öle, Schmierstoffe, Reinigungsprodukte bis hin zu Werkstatteinrichtungen und Waschanlagen.

In Europa ist die Stimmung in dieser Branche derzeit eher etwas verhalten, die Auftragslage in Zeiten der Unsicherheit und der möglichen Krisen ist nicht immer gut. Manche deutschen Aussteller waren deshalb von der guten Stimmung der russischen Händler positiv überrascht. Besonders die vier befragten Unternehmen, welche dieses Jahr zum ersten Mal auf der MIMS Automechanika Moskau vertreten waren, erhoffen sich durch die Messe ein positives Feedback in Form von neuen Aufträgen.

Doch wer in Russland erfolgreich sein will, muss sich anpassen. Aussichten auf gute Geschäfte alleine reichen nicht aus. „Man muss es schon ein bisschen mögen, wie es in Russland ist“ meint dazu auch Daniel Scholze von der PQM Produktionslogistik und Qualitäts-Management GmbH, ein deutsches Unternehmen, welches mit der OOO PQM Rus seit 2010 eine eigene Tochtergesellschaft in Kaluga hat und von dort aus kompetent und direkt ihre Kunden der russischen Automobilbranche betreut.

Kim Larsen, Verkaufsdirektor der SBS Deutschland GmbH, ein Unternehmen welches Bremssysteme vertreibt und selbst produziert, ursprünglich aus Dänemark stammt und in Russland seit 20 Jahren erfolgreich Geschäfte macht, weist auf Folgendes hin: „Der Russe verreist sehr gerne. Ein Großteil unserer russischen Kunden und Händler kommen gerne nach Deutschland und besuchen uns dort auch auf der Weltleitmesse Automechanika Frankfurt. Dort sind wir mit einem noch weitaus größeren Stand vertreten als hier in Moskau.“

Mehr als die Hälfte der befragten deutschen Aussteller sind bereits seit mindestens fünf bis zehn Jahren auf dem russischen Markt erfolgreich aktiv. Diese haben eine eigene Gesellschaft oder eine andere strukturelle Form als Anlaufstelle für den russischen Kunden. Andernfalls bearbeiten die deutschen Aussteller den russischen Markt mit langjährigen Vertriebspartnern. Die Kontaktpflege zu diesen Partnern in Russland wird als freundschaftlicher und familiärer beschrieben, als diese zu Vertriebspartnern in Deutschland. Einen solchen verlässlichen und vertrauenswürdigen Partner in Russland erst mal zu finden, stellt sich meist als sehr schwierig sowie in der Regel auch viel langwieriger heraus, als anfangs gedacht. Nicht selten bezahlt ein ausländisches Unternehmen dabei weit mehr „Lehrgeld“ als ihm lieb ist.

Bei jenen Ausstellern, welche sich bereits für eine eigene Struktur in Russland entschieden haben, stellen die klassischen Herausforderungen der komplexen Bürokratie im Bereich der Buchführung sowie die überaus komplizierte Zollabwicklung bei Importen nach Russland große Anforderungen an den Betrieb.

Eine weitere Anforderung sehen die befragten Aussteller der Branche auch in der Konkurrenz aus Asien. Die extrem hohe Messebeteiligung aus China, zwar vorerst noch mit relativ kleinen eng aneinander gereihten Ständen in zwei eigenen Messeabteilen, welche meist nicht individuell gestaltet und oft ohne ausgereiftes Corporate Design auf der Suche nach neuen Abnehmern waren, sollte nicht unterschätzt werden.

Doch wo sind Unterschiede und Besonderheiten im Vergleich der Märkte zwischen Deutschland und Russland?

In Deutschland und eigentlich in ganz Mitteleuropa sind beispielsweise automatische Waschstraßen seit langer Zeit weit verbreitet. In Russland hingegen sind diese eine absolute Seltenheit. Der russische Autobesitzer hat Angst um sein Auto, genauer gesagt um den Lack, welcher bei der Wäsche in den automatischen Waschstraßen zerkratzt werden könnte. Autowaschen mit Personal und von Hand geführten Hochdruckreinigern, was in Mitteleuropa oft einer Handwäsche gleich kommen würde, ist in Russland Standard und bei weitem beliebter. Auch in Anbetracht der niedrigen Personalkosten wird deshalb bei fast allen Waschanlagen auf die Anschaffung einer automatischen Waschstraße verzichtet.

Auf weitere Unterschiede zum deutschen Markt verwies auch der Vertreter der Jom Car Parts & Car HiFi GmbH aus Bochum: „In Deutschland ist es sehr beliebt, das Auto tiefer zu legen. Hier in Russland wird man schon öfters mal gefragt, wie man das Auto höherstellen kann.“ Jeder der schon auf Straßen außerhalb der Millionenstädte Russlands unterwegs war und in Schlangenlinien fahrend versucht hat, den Schlaglöchern auszuweichen, kann diesen einfachen Wunsch der Autofahrer in Russland sehr gut verstehen.

Ersatzteile wie Stoßstangen und Plastikverkleidungen sind deshalb bei den russischen Autoersatzteilhändlern sehr beliebt. So plant auch der Großteil der befragten deutschen Aussteller die Messe nächstes Jahr wieder ins Russland-Programm ein: „Die Automechanika Moskau wird für uns schon fast zur Tradition“ bestätigt auch Christian Westerkamp, Geschäftsführer der HÜCO Automotive GmbH aus Espelkamp in Nordrhein-Westfalen, die Teilnahme im nächsten Jahr.

_______________________________________________________________

Autor: Johannes Ausserer, Managing Partner | Ausserer & Consultants

Was sagen Sie zu diesem Artikel? Teilen Sie Ihre Frage, Anregung oder Meinung mit den anderen Lesern im Kommentar-Feld weiter unten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s