Wer in Russland Führungskräfte sucht, muss besonders interkulturelle Faktoren berücksichtigen

Das Rad dreht sich: Bei russischen Managern - insbesondere der jüngeren, häufig sehr gut ausgebildeten Generation - ist die Bindung an den Arbeitgeber jedoch deutlich niedriger als in Deutschland.
Das Rad dreht sich: Bei russischen Managern – insbesondere der jüngeren, häufig sehr gut ausgebildeten Generation – ist die Bindung an den Arbeitgeber jedoch deutlich niedriger als in Deutschland.

Die russische Wirtschaft ist in den letzten Jahren dynamisch gewachsen. Die Investitionstätigkeit ausländischer Unternehmen hat dabei deutliche Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen. Vor allem der Bedarf an lokalen Führungskräften wächst und kann in den Wirtschaftszentren Russlands kaum noch gedeckt werden. Um qualifizierte Manager für die Leitung ihrer russischen Niederlassung zu finden und zu halten, müssen ausländische Unternehmen das Ohr sehr dicht am Markt haben und Verständnis für russische Denkmuster und Verhaltensweisen mitbringen.

Russland ist das größte Flächenland der Erde. Seit Jahren ist es eine der am dynamischsten wachsenden Volkswirtschaften. Mit seinen 142 Mio. Einwohnern ist es ein Markt, den eine anhaltend hohe Nachfrage nach Investitionen, Know-how und hochwertigen Konsum- und Exportgütern kennzeichnet – und der immer weitere ausländische Unternehmen anzieht.

Der Markt für qualifizierte Führungskräfte, vor allem in den Metropolen Moskau und St. Petersburg, ist entsprechend angespannt. Dazu hat jedoch nicht nur das wachsende Engagement ausländischer Unternehmen beigetragen, sondern auch die Tatsache, dass inzwischen auch russische Unternehmen attraktive Gehälter und gute Karriereperspektiven bieten. Die Fluktuation ist hoch, begünstigt durch die arbeitnehmerfreundlichen Kündigungsfristen. Wer einheimische Führungskräfte beschäftigen will, braucht einen langen Atem bei der Personalsuche und der Auswahl der besten Kandidaten sowie eine langfristige Strategie zur Personalentwicklung und Mitarbeiterbindung.

Das Ausbildungsniveau in Russland – vor allen in den Bereichen Mathematik, Mechanik und Ingenieurwesen – galt lange Zeit als gut. Seit Beginn der 90er Jahre hat sich das Bildungswesen durch Korruptionen, mangelnde Investitionen und schlecht bezahlte Lehrkräfte jedoch kontinuierlich verschlechtert. Zudem hat sich der Bedarf auf dem Arbeitsmarkt extrem gewandelt: Besonders begehrt sind heute Führungskräfte im Bereich Vertrieb und Marketing, IT-Spezialisten sowie Ingenieure. Der Arbeitsmarkt für qualifizierte Führungskräfte ist daher insbesondere in Moskau und St. Petersburg ein „Arbeitnehmer-Markt“ geworden. Die Löhne sind hier in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. In Moskau liegen sie zudem rund dreimal höher als in der Provinz.

Bei russischen Managern sind eine Vielzahl von Verhaltensweisen und Denkmustern zu beobachten, die sich von unseren westlichen Gepflogenheiten stark unterscheiden und für eine reibungslose Zusammenarbeit im Unternehmen unbedingt berücksichtigt werden sollten:

Persönliche Beziehungen statt Sachlichkeit:

Im Gegensatz insbesondere zu Deutschen dominiert bei Russen die Personen- gegenüber der Sachorientierung. Die Herstellung positiver menschlicher Beziehungen zu Geschäftspartnern und Kollegen hat in Russland einen sehr hohen Stellenwert, ist oft sogar Voraussetzung für eine erfolgreiche unternehmerische Zusammenarbeit.

Das Kollektiv lebt weiter:

Das Gruppendenken ist bei Russen traditionell stärker ausgeprägt als bei Deutschen – zumindest wenn es um die Kleingruppe, das „Kollektiv“, geht. Bis heute sind auch im Arbeitsumfeld teilweise unter den Mitarbeitern ein starker Zusammenhalt und ein Gemeinschaftsgefühl erkennbar, das seinen Ausdruck unter anderem in gemeinsamen Aktivitäten findet. Mit einem rein aufgabenorientierten, westlichen Team-Gedanken ist dies jedoch nicht ansatzweise vergleichbar.

Starkes Hierarchiedenken:

Das russische Denken und Verhalten ist deutlich stärker von Hierarchien geprägt als das deutsche. Von Vorgesetzten wird allgemein ein eher autoritärer Führungsstil erwartet. Russische Manager verstehen sich daher häufig noch als Befehlsempfänger und lassen oft wenig Bereitschaft erkennen, Entscheidungen zu treffen, sondern delegieren diese Aufgabe lieber an die nächsthöhere Ebene. „Soft Skills“ wie Eigeninitiative und die Übernahme von Verantwortung sind demnach bei russischen Mitarbeitern teilweise unterentwickelt.

Improvisation statt systematische Planung:

Ein systematisches Zeit- und Projektmanagement haben in deutschen Unternehmen einen weit höheren Stellenwert als es in Russland der Fall ist. Stattdessen zeichnet sich der Arbeitsstil russischer Manager häufig durch spontane Aktionen und Improvisation aus – mit entsprechend volatilen Arbeitsergebnissen.

Große Karriereerwartungen – geringe Loyalität:

Russische Manager – insbesondere der jüngeren, häufig sehr gut ausgebildeten Generation – lassen bei ihrer Arbeit häufig eine sehr hohe Motivation erkennen. Die Bindung an den Arbeitgeber ist jedoch deutlich niedriger als in Deutschland. Die gesetzlichen Regelungen zur Kündigung, die von Seiten des Arbeitnehmers innerhalb von 14 Tagen vollzogen werden kann, kommen dieser Haltung entgegen. Die begehrten Führungskräfte in Russland haben bei ihrer Karriere oft sehr konkrete und auch hohe Erwartungen an den Arbeitgeber. Lassen sich diese nicht realisieren, wechseln sie oft schneller den Arbeitgeber als dies in Deutschland der Fall (und möglich) ist.

Wie können Unternehmen qualifizierte Führungskräfte unter diesen Bedingungen finden und im Unternehmen halten?

Neben einem attraktiven, leistungsorientierten Entlohnungssystem ist die Gewährung von weiteren „benefits“, wie etwa die Finanzierung von Krankenversicherungen oder der Mitgliedschaft in Sportclubs, aber auch von nicht-monetären Anreizen, wie Schulungen und Weiterbildungsmaßnahmen, unabdingbar. Qualifizierungsbedarf haben russische Manager vor allem bei Kompetenzen wie Führung, Teambildung, Konfliktbewältigung, Projekt- und Zeitmanagement sowie Kommunikation.

Auch die Bekanntheit des Unternehmens und die Persönlichkeit des Geschäftsführers oder der Gesellschaftervertreter spielen eine wichtige Rolle. Ein charismatisches, fürsorgliches Top-Management kann die Fluktuation durchaus verringern. Insgesamt ist es wichtig, bei den russischen Managern ein Gefühl der Identifikation, der Verbundenheit mit dem Unternehmen zu schaffen. Neben den „harten“ Faktoren wie Gehalt und Incentives spielt dies eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Kommen wir zum besseren Verständnis noch einmal zurück zur Größe Russlands: Russland ist das einzige Land, welches eine Ost-West-Ausdehnung über die zwölf Zeitzonen aufweist. Bei allen flächenmäßig großen Ländern wie China, Australien, USA, Kanada befindet sich die Hauptstadt im Osten. Die russische Hauptstadt ist im Westen des Landes, und wenn in Moskau ein neuer Tag beginnt, gehört er in Vladivostok schon der Vergangenheit an. Ich bin überzeugt, dass viele Probleme, mit denen Russland in ihrer Geschichte, heute und auch in der Zukunft konfrontiert sein wird, darauf zurückzuführen sind, dass die Machthaber in Moskau dazu verdammt sind, immer den gestrigen Tag ihres Landes zu regieren.

Geschäftliche Aktivitäten in Russland sind und bleiben daher auch für westliche Unternehmen eine Herausforderung.

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Autor: Alexander Granat, Personalberater DACH, CEE und GUS | GRANAT EXECUTIVE SEARCH e.U.

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Ein Kommentar

  1. Ausgehend von jahrelangen Beobachtungen am russischen Markt und vielen Interviews mit deutschen Geschäftsleuten in Russland kann ich das alles nur bestätigen. Den Niedergang der technischen Hochschulausbildung an russischen Universitäten habe ich aktiv verfolgt. Heute zahlt Russland den Preis dafür.
    Ihr Artikel bringt aktuelle Veränderungen knapp und zutreffend auf den Punkt. Super! Vieles deckt sich mit den Ausführungen in meinem neuen Buch „Geschäftskultur Russland kompakt“, das Russland-Newcomern in genau diesen Fragen wie Kontakte, Verhandlungen, Meetings, Kommunikation….Orientierung geben soll, um Misserfolge zu vermeiden.
    Danke für Ihren Artikel / Dr. Heidrun Igra / Slawistik Uni Freiburg

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