Hürden und Chancen für ausländische Unternehmen in Russland

Hürden und Chancen für ausländische Unternehmen in Russland
Hürden und Chancen für ausländische Unternehmen in Russland

Vor fast drei Jahren eröffnete Johannes Ausserer in Moskau das Beratungsunternehmen Ausserer & Consultants, das insbesondere ausländische Unternehmen zu seinen Klienten zählt. Das Südtiroler-Wirtschaftsmagazin „WIKU“ hat Ausserer gefragt, wie er die Situation in Russland für Unternehmen aus dem „Westen“ zurzeit einschätzt.

„WIKU“: Russland ist für einige Südtiroler Unternehmen in den vergangenen Jahren ein wichtiger, wenn auch kleiner Exportmarkt geworden. Jetzt ist Ernüchterung eingekehrt. Zurecht?

Johannes Ausserer: Die derzeitige Situation ist ohne Zweifel schwierig und sehr herausfordernd, nichtsdestotrotz sollte im Gesamtbild nicht einheitlich schwarzgemalt werden. Gerade Südtirol verfügt über  sehr innovative Unternehmen, die in interessanten Marktnischen tätig sind, in einigen Bereichen sind sie sogar Marktführer. Einzigartige Produkte und Dienstleistungen werden in Russland immer nachgefragt werden –  unabhängig von politischen Schwierigkeiten und starken Wechselkursschwankungen. Jedoch kann ich mir vorstellen, dass derzeit beispielsweise die Lieferung von ausländischen Baustoffen, die  zwar in Europa produziert, aber möglicherweise in ähnlicher Qualität von russischen Lieferanten bezogen werden können, schwieriger wird. Innovative und einzigartige Unternehmen werden aber mit Russland weiterhin einen sehr interessanten und zukunftsträchtigen Markt vorfinden.

„WIKU“: Ist es Ihrer Ansicht nach sinnvoll, den derzeit schwachen Rubel für Investitionen zu nutzen – trotz der unsicheren wirtschaftlichen Prognose?

Ausserer: Die derzeitige starke Rubelabwertung, die auch den niedrigen Ölpreisen geschuldet ist, kann unter Umständen eine gute Gelegenheit für innovative Unternehmen sein, antizyklisch zu agieren. Derzeit müssen für Investitionen in Russland weniger Euro auf den Tisch gelegt werden –  der Wechselkurs lag vor einem Jahr bei rund 45 Rubel je Euro, derzeit erhält man für einen Euro etwas mehr als 70 Rubel. Zieht der Ölpreis wieder an, so ist anzunehmen, dass auch der Rubel wieder aufgewertet wird, da die nationale russische Währung stark an den weltweiten Rohstoff-Preisen gekoppelt ist. Das heißt konkret: Investments werden verhältnismäßig wieder teurer. Unternehmen, die zum jetzigen Zeitpunkt über die nötige finanzielle Sicherheit verfügen, in den russischen Markt zu investieren, sind dann für die Zeit nach der Krise gewappnet und sichern sich möglicherweise entscheidende Vorteile gegenüber ihren Mitbewerbern.

„WIKU“: Welche Hürden erwarten Unternehmen, die auf den russischen Markt wollen oder dort bleiben wollen?

Ausserer: Geschäfte werden immer zwischen Menschen gemacht: Hinter jedem Unternehmen stecken Eigentümer, Führungskräfte und deren Mitarbeiter. Die Entscheidungen von Menschen sind jedoch nicht immer rational, sondern können sehr oft auch emotional getroffen werden. Dies kann sich sowohl positiv als auch negativ auf das Geschäft auswirken. Dies ist in Russland nochmals viel stärker der Fall als in Mitteleuropa, da russische Unternehmen sehr hierarchisch und personenbezogen geführt werden. Deshalb bin ich der Meinung, dass es gerade jetzt von großer Wichtigkeit ist, das Gespräch mit russischen Kunden und Geschäftspartnern aufrecht zu erhalten damit die Beziehungen nicht abreißen.

„WIKU“: Russische Touristen sind in Südtirol mittlerweile willkommene Gäste. Vor allem, weil sie vergleichsweise viel Geld ausgeben. Jetzt ist der Westen für viele Russen zu teuer geworden. Wird sich diese Situation Ihrer Meinung in absehbarer Zeit wieder ändern?

Ausserer: Es ist anzunehmen, dass jene Reiseziele, die in den vergangenen Jahren stark auf die russischen Touristen gesetzt haben, in nächster Zeit Schwierigkeiten bekommen könnten. Ich denke  beispielsweise an bekannte Winterdestinationen in Tirol – möglicherweise vereinzelt auch in Südtirol, aber auch an beliebte Sommer-Reiseziele am Mittelmeer. Bereits im Sommer 2014 haben viele russische Reiseveranstalter Konkurs angemeldet. Für 2015 ist angesichts des schwachen Rubels zu erwarten, dass Auslandsreisen von Russen nach Europa weiter stark abnehmen werden. Umgekehrt kann sich das positiv auf den russischen Inlandstourismus auswirken. Es ist jedoch anzunehmen, dass ausländische Zulieferer der Branche nur begrenzt daran teilhaben können, und wenn, dann wahrscheinlich nur mit einer lokalen Einheit in Russland.

„WIKU“: Sie sind seit mehreren Jahren in Russland mit Ihrem Beratungsunternehmen tätig. Wie hat sich Ihr Geschäft in der letzten Zeit verändert?

Ausserer: Wir erledigen vor allem Buchhaltungsdienstleistungen sowie die Erstellung von Steuererklärungen nach russischen Standards. Zu unseren Mandanten gehören internationale Unternehmen, primär aus Deutschland und Österreich, die mit lokalen Tochtergesellschaften oder Repräsentanzen in Russland arbeiten. In diesem Geschäftsbereich verzeichnen wir nach wie vor einen Anstieg, denn die Bücher müssen, ungeachtet der Gesamtsituation, geführt werden. Auch beobachten wir bei den internationalen Unternehmen, die wir vor Ort betreuen, derzeit keinen starken Rückzug aus Russland.  Verändert hat sich hingegen unsere Tätigkeit, wenn es um Beratung beim Aufbau von lokalen Russland-Strukturen geht. Hier sind wir zunehmend im Bereich Interim-Management tätig.

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Dieses Interview mit Johannes Ausserer, Managing Partner von Ausserer & Consultants, ist am 25. Februar 2015 im Wirtschaftsmagazin „WIKU“ erschienen. Link zum Interview.

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