Lebensmittelkonsum in Russland – ein Trend zu günstigeren Produkten

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Das Lebensmittelembargo gegen Käse aus EU-Ländern kann als Chance für die Produktion gleichwertiger Sorten von deutschen Unternehmen wie Hochland auf dem russischen Markt gesehen werden.

Der Lebensmittelmarkt in Russland hat sich seit Einführung des Lebensmittelembargos, welches im Zuge der Ukraine-Krise verabschiedet wurde, drastisch verändert. Vor kurzem wurden die Lebensmittelsanktionen vom russischen Präsidenten bis Dezember 2017 verlängert, welche allen EU-Staaten sowie den USA, Kanada, Australien, Norwegen, Albanien, Montenegro, Island und Liechtenstein die Einfuhr von Agrarprodukten und Lebensmitteln wie Fleisch, Obst, Gemüse und Milchprodukte verbietet. In anderen Worten ausgedrückt: Italienischer Parmesan oder französischer Comté darf nicht mehr importiert werden, sondern soll durch Produkte der heimischen Eigenproduktion substituiert werden.

Gegen die Kreativität einiger Importunternehmen, welche die Sanktionen umgehen (Stichwort: Austern aus Belarus oder Kasachstan), kämpft der russische Zoll mit hohen Strafen. Laut Vorschrift sollen illegale Lebensmitteleinfuhren sogar von den Behörden vor laufender Kamera verbrannt werden, um die Einfuhr zu verhindern.

In den letzten zwei Jahren wurde in Russland eine wachsende Inflation der Lebensmittelpreise in Höhe von 28,7% verzeichnet, welche nicht zuletzt mit dem Wertverlust des Rubels und der sinkenden realen Kaufkraft der Bevölkerung zusammenhängt. Demzufolge wandelte sich nach Einschätzung von Experten das Konsumverhalten der russischen Bürger in Richtung günstigerer Produkte. Beispielsweise werden vermehrt Basislebensmittel wie Mehl und Eier für eigenständiges Backen und Kochen anstatt halb-/fertiger Produkte mit höherem Preis erworben.

Auch die russischen Lebensmittelproduzenten müssen im Preiskampf ihre Zutaten anpassen, in einigen Fällen sogar zum Nachteil der Konsumenten, wie der deutsche CEO Stefan Dürr von Ekosem-Agrar, einem der führenden Milchproduzenten in Russland, in einem Interview mit der Zeitung „Wedomosti“ berichtete. Immer mehr würden russische Lebensmittelhersteller stark fetthaltiger Nahrungsmittel wie Joghurt, Butter oder Käse auf teurere tierische Öle verzichten und diese mit billigerem Palmöl ersetzen, öfters ohne richtige Kennzeichnung für die Konsumenten. Dagegen geht derzeit der russische Verbraucherschutz verstärkt an.

Gemäß einer Studie (Russland Analysen 12/2016) werden insgesamt weniger Rindfleisch und dafür mehr Hähnchen, weniger Hartkäse und dafür mehr Trinkmilch, Sauermilcherzeugnisse und Schmelzkäse sowie weniger exotische Früchte (wie z.B. Ananas) und mehr günstigere Früchte wie Äpfel konsumiert.

Laut einer Studie des größten privaten Marktforschungsinstitutes in Russland, Romir, haben die Konsumenten im Jahr 2015 weniger teure, dafür aber vermehrt günstige Gemüsesorten gekauft. Beispielsweise ist der Kauf von importabhängigen Tomaten im Vergleich zum Vorjahr um -10% zurückgegangen, wenngleich der Konsum von Kartoffeln (+7%), Kohl (+11%) und Rüben (+8%) gestiegen ist. Darin sehen die Experten einen Versuch der Bevölkerung, Ersatz für Fleisch, Fisch und andere exotischere Gemüsearten zu finden.

Gemäß der russischen Statistikbehörde Rosstat ist im Jahr 2015 der pro Kopf Fleischkonsum um -3% zurückgegangen, da die Preise um +15% gestiegen sind. Am meisten davon ist der Rindfleischkonsum betroffen, mit einem Rückgang von -10%. Insgesamt decken Schweine- und Hähnchenfleisch den russischen Fleischkonsum mit 80% ab. Nichtsdestotrotz gibt es laut der Marktforschungssparte der Bank VTB für das kommende Jahr 2017 einen positiven Ausblick, da mit einem Anstieg des Fleischkonsums um 3% gerechnet wird. Die heimische Schweine- und Hähnchenproduktion laufe derzeit mit finanzieller Unterstützung des russischen Agrarministeriums auf Hochtouren, jedoch kann sie noch nicht den gesamten Auslandimport ersetzen, der von 60% auf 10% gesunken ist.

Im Hinblick auf das Konsumentenverhalten bei Fisch und Meeresfrüchten ist dieses ebenfalls laut Angabe von „Interfax“ im vergangenen Jahr stark zurückgegangen (von 22 kg auf 14 kg pro Kopf), da die Durchschnittspreise für Fisch und Meeresfrüchte um +15% für heimische Produkte sowie um +30% für Importprodukte gestiegen sind.

Was die Produktion von Milchprodukten in Russland betrifft, ist dem Nationalen Verband der russischen Milchproduzenten „Sojus-Moloko“ zufolge der Konsum um -2% bis -3% zurückgegangen. Beim russischen Konsumverhalten wird eine leichte Tendenz zu günstigeren Produkten wie Vollmilch, Kefir, saure Sahne anstatt zu Fertigerzeugnissen wie Käse, Joghurt und Quark festgestellt.

Die Folge der Import-Substituierungspolitik der russischen Regierung ist auch für deutsche Agrar-Exporteure mit derzeit noch nicht kalkulierbaren Einbußen verbunden, jedoch fallen diese nicht so extrem aus wie für das Agrarland Polen. Insgesamt ist im Zeitraum von 2014 bis 2015 der Lebensmittelimport aus dem Ausland in Russland um 7 Milliarden auf 1,6 Milliarden USD gesunken.

Dennoch kann in Moskau von keiner Lebensmittelkrise zu sprechen sein, da die Supermarktregale weiterhin gefüllt sind und auch öfters Waren aus der Sanktionsliste wie Mozzarella oder Parmesankäse angeboten werden. Entweder werden diese von örtlichen Unternehmen produziert oder gelangen durch die vorhin beschriebenen Umwege nach Russland.

Nach Ablauf der Wirtschaftskrise können in Russland produzierende deutsche Unternehmen wie Ekosem-Agrar und Hochland, eines der größten Schmelzkäseproduzenten mit einem Marktanteil von 16%, von ihrem Standortvorteil profitieren, da sie von den Sanktionen nicht betroffen sind. Das Kaufpotential und die Nachfrage nach ihren europäischen Lebensmitteln „made in Russia“ wird steigen und es bleibt somit ihre Aufgabe, diese Produkte mit Unterstützung europäischer Technologien und Knowhows vor Ort herzustellen und langfristig auf hohes Qualitätsniveau zu bringen. Somit könnte in wenigen Jahren ein 24-monatiger Parmesankäse „made in Russia“ zu einem Genuss werden.

Autor: Karl-Rafael Kubisch | Ausserer & Consultants
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