7 Fragen: Christoph Kohl von CKSA/Christoph Kohl Stadtplaner Architekten über den Städtebau in Russland

Poster im Rahmen der Masterplanung für den Ballungsraum der BSU-Städte Beresniki – Solikamsk – Usolje; © Christoph Kohl Stadtplaner Architekten

Christoph Kohl Stadtplaner Architekten bietet seit 1993 von Berlin aus Leistungen in der Masterplanung, dem Städte- und dem integralen Siedlungsbau an. Bereits seit fast 25 Jahren arbeitet das Unternehmen mit Akademien, wissenschaftlichen und universitären Institutionen in Russland zusammen. Während dieser Zeit erstellte Christoph Kohl Stadtplaner Architekten zudem diverse Masterplanungen für russische Auftraggeber.

Im Interview spricht der geschäftsführende Gesellschafter Christoph Kohl mit uns über die russische Baubranche, den Städtebau und die Kreativindustrie vor Ort sowie seine persönlichen Erfahrungen im Umgang mit russischen Geschäftspartnern.

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  1. An welchen Projekten in Russland haben Sie bisher mitgewirkt?

Ein vielbeachtetes Resultat ist der regionale Masterplan, den wir zusammen mit BuroHappold Engineering und FJP landscape architects für die Agglomeration Beresniki – Solikamsk – Usolje (russisch: Березники, Соликамск, Усолье) in der Region Perm erstellt haben. Bedingt durch den Bergbau hat die Stadt mit einer Unterhöhlung des Stadtgebiets und sich daraus ergebenden Tagesbrüchen zu kämpfen. Mit unserem Masterplan für den städtebaulichen Umgang mit dieser Problematik konnten wir Standards setzen. Weitere Planungen erstellten wir unter anderem für die Moskauer Trabantenstadt Rubljowo-Archangelskoje (Рублёво-Архангельское), das Wohnviertel Juntolowo (ЖК «Юнтолово») in St. Petersburg oder Projekte in Nischni Nowgorod, Rostow am Don, Kasan und Sergijew Possad.

  1. Was zeichnet die russische Baubranche aus Ihrer Sicht aus?

Erst einmal sind deutliche Unterschiede zwischen den Gegebenheiten in Moskau und St. Petersburg verglichen mit den Provinzen erkennbar. In den beiden Metropolen sind die Ansprüche im „Business“ ähnlich hoch wie im Westen, weshalb Projekte in überschaubaren Zeitfenstern umgesetzt werden. Seit dem Ende der Sowjetunion hat sich das Bild, das der öffentliche Raum bietet, durch zahlreiche Baumaßnahmen insbesondere im Zentrum Moskaus stark positiv verändert. Beispielhaft sei hier der Sarjadje-Park genannt. In den Provinzen hingegen ist zwar oft das Bewusstsein dafür da, dass sich die gebaute Umwelt verbessern muss, es fehlt jedoch am letzten Quäntchen Umsetzungswillen. In diesem Zusammenhang spielt auch die Investitionsbereitschaft ausländischer Kapitalgeber eine Rolle.

Wie überall ist auch in Russland die Baubranche sehr konjunkturabhängig. Das führt immer wieder zu einem Stop-and-Go bei den Projekten. Des Weiteren herrschen sehr kurze Zyklen. Was bei Hochbauten kein Problem darstellt, da diese schnell entwickelt sind, bedeutet für städtebauliche Planungsräume eine erhebliche Erschwernis in der Arbeit.

  1. Welche Trends sind im Städtebau bzw. in der Architektur in Russland derzeit zu erkennen?

Allgemein geht der Trend zu einer weltweit uniformen High-End-Architektur anstatt sich auf die regionalen Stärken, lokalen Typologien und Topoi zu besinnen. Ein Fall, in dem lokales Bewusstsein Selbstbewusstsein generieren kann, sind die berühmten Bahnhöfe in Moskau, die ich 1985 – damals noch als Architekturstudent – erstmals zu Gesicht bekam.

  1. Wie erfolgt die Auftragsvergabe bzw. in welchen Punkten unterscheidet sich diese hier im Vergleich zu Deutschland?

Sofern die Auftragsvergabe über ein Bewerberverfahren läuft, unterscheidet sie sich im Prinzip nicht vom Ablauf in Deutschland beziehungsweise Europa. Die zu führenden Nachweise, der Anspruch an die Expertise und Leistungsfähigkeit sind in Russland sehr hoch. Das führt dazu, dass auch das Leistungsniveau der nach Russland „liefernden“ Planerbüros überdurchschnittlich hoch ist. Positiv vom kreativen Standpunkt her ist, dass sofort ein Gespann mit einem lokalen Büro gebildet wird. Oft fehlt es den Partnern jedoch an der nötigen Erfahrung am Realisierungsende.

  1. Wie lässt sich Ihre Positionierung als Gestalter antimodernistischer und zeitgenössisch-innovativer Projekte mit den Vorstellungen russischer Auftraggeber vereinbaren?

In dem Post-Zeitgenössischen Zeitalter in dem wir leben gilt die Devise „Es wird einmal!“, nicht mehr „Es war einmal!“. Die Fülle an Möglichkeiten ist schier unerschöpflich. In der Vergangenheit sind mir zahlreiche russische Persönlichkeiten mit einer sehr kreativen Denkweise begegnet. Für uns als Büro mit einem antimodernistischen Ansatz bedeutet „Rückblicken“ weitererzählen, weiterspinnen, weiterdenken, weiterentwickeln, visionär sein. Unser Ansatz lässt sich deshalb in der Regel gut mit den ambitionierten Vorstellungen russischer Auftraggeber vereinbaren.

  1. Was sind aus Ihrer Sicht die Besonderheiten der russischen Geschäftswelt im Vergleich zu westlichen Ländern?

Wichtig ist es das Vertrauen, wenn nicht gar die Freundschaft der russischen Auftraggeber zu gewinnen. Gelingt dies, so herrscht ein vorbehaltloses Vertrauen, das ich so in Westeuropa bisher nicht kennen gelernt habe. Dort kann bestenfalls von beidseitigem Respekt die Rede sein.

  1. Wie ist es Ihrer Meinung nach um die Kreativbranche insgesamt in Russland bestellt?

Ich fürchte, dass eine solche nur in der Metropole Moskau, vielleicht noch in St. Petersburg ökonomisch überlebensfähig ist. Der gescheiterte Versuch Perms sich über die Kunst international zu positionieren ist ein Beispiel dafür, wie schwierig es für andere Städte außer der beiden großen Metropolen ist, sich über diesen Bereich neu zu erfinden. Aus kultureller Sicht wird die Kreativbranche allerdings immer eine tragende und unverzichtbare Rolle im gesamten Land spielen.


woieuir Christoph Kohl ist geschäftsführender Gesellschafter bei Christoph Kohl Stadtplaner Architekten. Im Studienjahr 2018/2019 hat er die Vertretungsprofessur für Städtebau/Urbanism an der DIA HS Anhalt-Dessau inne.

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