Warum die Kreativindustrie in Russland (noch) nicht etabliert ist

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Podiums-Diskussion auf dem Deutsch-Russischen Kreativ-Wirtschaftsforum „Art-Werk“ in Moskau; © Art-Werk

Während in Deutschland knapp 3% des BIP in R&D-Aktivitäten (Research & Development) investiert werden, beträgt der Prozentsatz für die Russische Föderation nur etwas mehr als 1% (Unesco). Um Innovationen voranzutreiben, ist eine finanzielle Förderung jedoch unabdingbar. Inwieweit dies auch für die Kreativindustrie gilt, wurde auf dem zweitätigen Deutsch-Russischen Kreativ-Wirtschaftsforum „Art-Werk“ Mitte November 2018 in Moskau diskutiert.

Kunst und Kultur werden in Russland immer noch der sozialen Sphäre zugeordnet; damit Profit zu machen steht nicht im primären Interesse. Kreative Köpfe gibt es im Land genug. Jeder 5. hat beispielsweise eine Kunstschule absolviert. Doch wie schaffen es die Kreativen sich selbst zu vermarkten und mit ihrer Kunst Geld zu verdienen? Die Branche ist stark von Freelancern geprägt; ihr Anteil beträgt 50-70%. Auf der Plattform freelance.ru beispielsweise sind über eine Millionen Personen angemeldet. Die Projektvergabe in Russland erfolgt häufig über Mundpropaganda beziehungsweise Empfehlungen. Kreative Cluster werden vom Staat nur in geringem Maße gefördert; der Großteil an Initiativen entsteht durch Privatpersonen.

Eine solche Organisation, die von fünf privaten Gesellschaftern gegründet wurde, ist die „Universal University“ in Moskau. Nachdem sie in verschiedenen Teilbereichen der Branche einen Fachkräftemangel ausmachten, setzten sie nach und nach entsprechende Bildungs-Projekte auf, um Personen mit den entsprechenden Fertigkeiten zu befähigen und damit die Personallücke zu schließen. Den Anfang machte ein Projekt für Werbetexter; es folgten Schulen zu Architektur, Film, Musik, und Design. Das Wissen wird großteils anhand von Case Studies vermittelt, bei denen es sich um reale Problemstellungen von Unternehmen handelt. Der Leitgedanke der „Universal University“ ist das Selbstverständnis als großes Labor und die multidisziplinäre Arbeitsweise in den Gruppen als Erfolgsfaktor. Neben dem Aufbau von Fachwissen in dem jeweiligen Spezialgebiet wird dort auch das Thema Entrepreneurship gelehrt, damit die Absolventen nach Abschluss der Schule auch über wirtschaftliche Kenntnisse verfügen, was für eine selbstständige Tätigkeit vonnöten ist.

Aus der Sicht von Ekaterina Cherkes-zade, einer der Gesellschafterinnen der „Universal University“, ist ein enormes Problem, dass sich die einzelnen Akteure der Kreativindustrie – Design, Film, Gaming, etc. – nicht als Teil einer Branche sehen und es somit noch kein Ökosystem gibt, in dem die Kräfte gebündelt werden. Ferner besteht eine aktive und bekannte Kreativszene nur in den großen Städten wie Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg. Zu diesem Schluss kam auch Christoph Kohl von CKSA/Christoph Kohl Stadtplaner Architekten, mit dem wir unlängst ein Interview führten.

Denis Shchukin bietet mit seiner Plattform „Masters of Russia“ Online-Kurse an, damit auch kreative Köpfe in anderen Regionen fernab der zuvor genannten Metropolen ihre Kenntnisse zur Unternehmensgründung in der Kreativindustrie erweitern können. Im Gegensatz zu Cherkes-zade ist er der Meinung, dass es auch in kleineren Städten eine Kreativszene gibt, darüber aber zu wenig bis gar nicht berichtet wird. Im Zuge einer Umfrage bereiste er fast alle Regionen im Land mit dem folgenden Ergebnis: 3/4 der Probanden hatten eine Geschäftsidee, die sie verwirklichen möchten, aber nur 65% sind sich sicher, dass sie das Vorhaben auch realisieren. Der Grund für diese Differenz ist nach Aussage der Befragten das mangelnde Wissen, wie ein Unternehmen gegründet und geführt wird. Mit seiner Plattform möchte er dieses Hindernis beseitigen.

Momentan wandern viele Russen, die in der Kreativindustrie tätig sind, ins Ausland aus, da sie keine Infrastruktur vorfinden um ihre Projekte zu realisieren. Oft kehren sie nicht mehr nach Russland zurück. Auf der anderen Seite gibt es auch eine Vielzahl an Kreativen, die innerhalb Russlands in die großen Metropolen Moskau oder St. Petersburg mit etablierter Kreativszene umziehen. Bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie nach einer gewissen Zeit wieder in ihre Heimat zurückkehren und dort Projekte starten.

Abschließend noch ein paar Worte zum Ausgangsthema des Beitrags: Welche Rolle spielt der ökonomische Aspekt bei der Entwicklung von Kunst? Der deutsche Panel-Teilnehmer Egbert Rühl von der Hamburg Kreativ Gesellschaft mbH warf in einer Diskussionsrunde des „Art-Werk“ Kreativ-Wirtschaftsforums die These in den Raum, dass es der Freiheit der Kunst nicht helfe, wenn diese im Vorfeld bezahlt werde. Sie könne sich nur weiterentwickeln, wenn sie keinen Auftraggeber habe. Vitaly Bykov, Gründer der Kreativagentur „Red Keds“, hielt mit dem Argument dagegen, dass die Möglichkeit eines Künstlers zur Verwirklichung seiner Ideen in der Zusammenarbeit mit einem Auftraggeber mit steigendem Bekanntheitsgrad zunehme. Je unbekannter ein Künstler, umso mehr habe er sich den Vorstellungen des Auftraggebers zu beugen. Eben diesen Bekanntheitsgrad gilt es durch Kollaborationen zu steigern.

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