7Fragen: Kalojan Iliev von EREMA über die Kunststoffindustrie und das Trendthema Recycling

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EREMA Customer Center, © EREMA

Vor 35 Jahren in Österreich gegründet, gilt EREMA heute als Wegbereiter und Weltmarktführer im Bereich der Kunststoffrecyclingmaschinen.

Im Interview erklärt uns der Geschäftsführer für Russland, Kalojan Iliev, wo die Kreislaufwirtschaft im Kunststoffrecycling aktuell steht, wie die Situation speziell in Russland aussieht und wie EREMA die Zukunft der Branche mitgestaltet.

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  1. Welche Rolle spielt der Werkstoff Kunststoff aus Ihrer Sicht momentan und zukünftig, gerade auch mit Blick auf Aktionspläne von Regierungen und Umweltorganisationen zur Müllvermeidung?

Kunststoff ist der Werkstoff unserer Zeit. Die Kunststoffverwendung steigt jedes Jahr weltweit um 8%, besonders stark in Asien. Nach dem 2. Weltkrieg begannen Kunststoffe, fast alle anderen Werkstoffe wie Metall, Glas, Papier oder Karton zu verdrängen. Sie sind günstig, gut formbar und einzufärben, bruchfest und weisen ein geringes Gericht auf. Unsere Gesellschaft ist dadurch sehr verwöhnt.

Gleichzeitig sind die Folgen für die Umwelt nicht zu unterschätzen. Die Kunststoffindustrie ist sich dessen bewusst und setzt dementsprechende Aktionspläne um, um die negativen Auswirkungen durch die Verwendung dieses Werkstoffes zu verringern. Nicht der Werkstoff an sich ist schlecht, wir müssen nur bewusster damit umgehen.

  1. Wie steht es um die Kunststoffindustrie in Russland?

Im Vergleich zu anderen Ländern fallen die Wachstumsraten in Russland nicht so stark aus. Nichtsdestotrotz handelt es sich um einen attraktiven Markt, auch weil der Konsum und damit das Recyclingpotenzial zunehmen. Vor allem das Thermoplast PET ist ein Wachstumstreiber, weil es in der Faserindustrie und für Flaschen und Folien genutzt wird.

  1. Ist Kunststoffrecycling ein gewichtiges Branchenfeld innerhalb der Kunststoffindustrie in Russland?

Europa ist in Bezug auf Kunststoffrecycling gut aufgestellt. Auch die Brand-Owner wie Coca-Cola, Unilever, etc. haben Strategien ausgearbeitet. In Russland gilt es, die Situation differenziert zu betrachten. Firmen, die zum Beispiel ihre Produktionsabfälle inhouse recyclen, sind bereits ordentlich entwickelt. Im Post-Consumer-Bereich, sprich bei Kunststoffabfällen wie Verpackungen, Elektroschrott, etc. fehlen momentan noch die nötigen Voraussetzungen. Hierunter fallen die erforderliche Infrastruktur und eine dementsprechende Legislative.

Die Russen haben aber bereits erkannt, dass Kunststoffabfall ein Rohstoff ist, mit dem sich gutes Geld verdienen lässt. Der Staat hat deshalb in letzter Zeit Maßnahmenpakete ausgearbeitet. So werden die Hersteller mehr in die Verantwortung genommen und müssen Steuern auf ihre Verpackungen zahlen. Aber auch die Reform der kommunalen Abfallwirtschaft zählt hierzu. Aufgrund der enormen geographischen Ausmaße ist die Bevölkerungsdichte in Russland verglichen mit Europa deutlich geringer, weshalb beim Recycling von Kunststoffen niedrigere Ausschussmengen pro Stunde generiert werden können, was einen geringeren Effizienzgrad bedeutet.

  1. Aus welchem Grund haben Sie sich dafür entschieden, gerade in den USA (1992), China (2001) und Russland (2016) Tochterunternehmen zu eröffnen und warum in Russland erst verhältnismäßig spät im Vergleich zu den anderen Standorten?

Kunststoffe wurden bereits vor der Gründung von EREMA recycelt. Wir waren jedoch die ersten, die alle notwendigen Schritte – zerkleinern, agglomerieren und extrudieren – in einem Paket angeboten haben. Seit Anbeginn unserer Tätigkeit, haben wir unserer Produkte global vertrieben. Anfangs gab es sonst keinen Wettbewerber, der die Nachfrage bedienen hätte können. Weltweit sind aktuell 6.000 unserer Anlagen installiert.

Europa war und ist dabei immer noch unser wichtigster Absatzmarkt. Die USA haben, ähnlich wie in Europa, bereits relativ früh die Attraktivität des Rohstoffes Kunststoff erkannt. Außerdem ist die Bevölkerungsdichte relativ hoch. In China waren extrem gute Verkaufszahlen ausschlaggebend für die Gründung einer Tochtergesellschaft. Russland punktet aufgrund seiner guten geopolitischen Lage, ist aber gleichzeitig auch ein schwieriger Markt, weshalb wir dort erst relativ spät mit einem eigenen Tochterunternehmen aktiv geworden sind. Damit können wir den Markt besser betreuen, sind näher beim Kunden und ermöglichen schnelleren Service und Ersatzteillieferungen.

  1. Bereits 2007 lag Ihre Exportquote bei 98,2%. Welche Länder/Regionen werden in Zukunft als Absatzmärkte an Bedeutung gewinnen?

Die Exportquote wird in den kommenden Jahren sogar noch steigen.

Afrika und Asien sind interessante Wachstumsmärkte. Sie haben jedoch mit denselben Problemen wie in Russland zu kämpfen – fehlende gesetzliche Rahmenbedingungen und Infrastruktur.

In absoluten Zahlen betrachtet wird Europa seine Bedeutung im Bereich Recycling weiterhin beibehalten. Ein Großteil der Brand-Owner unterhält seine Entwicklungszentren in Europa, dies hat einen nicht unerheblichen Einfluss. Bis 2030 sollen zehn Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr recycelt werden; momentan sind es zwei Millionen. Die Recyclingquoten variieren von Land zu Land. Deutschland und Italien sind besonders positiv hervorzuheben. Aktuell gibt es auch Überlegungen, am Balkan ein Recyclingzentrum aufzubauen.

  1. „Neue Lösungsansätze durch Kollaboration“, so die Aussage teilnehmender Firmenvertreter an den von EREMA 2018 in Ansfelden (AT) initiierten Discovery Days 2018. Wie sehen konkrete Lösungen für die Kreislaufwirtschaft in der Kunststoffindustrie aus?

EREMA wird von der Politik oft auf Möglichkeiten angesprochen, wie der Recyclinganteil erhöht werden kann. Unabdingbar ist es, ein closed-loop System zu etablieren. Der Dialog zwischen den Akteuren der Kunststoffindustrie ist dabei enorm wichtig, alle Beteiligten müssen ihren Beitrag leisten, nicht zuletzt, da für ein erfolgreiches Agieren am Markt ein großes Know-how notwendig ist.

Eine Tendenz, die das Recyling erschwert, ist zum Beispiel die Entwicklung von Multi-Layer Werkstoffen. Als Positivbeispiel kann im Gegenzug das Bestreben angeführt werden, über entsprechende Designs Materialien einzusparen oder nur mit einer Materialbasis zu arbeiten. Große Virgin-Hersteller (Rohstofferzeuger) steigen immer mehr selbst ins Recycling ein, auch um Lerneffekte zu generieren und die Produktentwicklung dementsprechend anzupassen.

In einer Miniausstellung zeigen wir bei EREMA auf, wie groß die Produktvielfalt an Artikeln ist, die mit Regranulat hergestellt werden können. Unser Kunde bureo beispielsweise stellt aus gebrauchten Nylon-Fischernetzen trendige Produkte wie Skateboards und Sonnenbrillen her und hat sich im Lifestyle-Segment positioniert, getreu nach dem Motto „Gutes tun und damit Geld verdienen“.

  1. Im EREMA Customer Center am Standort Ansfelden können Interessenten das gesamte Maschinenportfolio live erleben. Wie wird das Angebot von Kunden angenommen und welche Synergieeffekte ergeben sich daraus?

Im Recycling lebt man mit dem Unbekannten. Bei Abfällen ist nie sicher, wie die Zusammensetzung aussieht; das Eingangsmaterial ändert sich laufend. Dementsprechend sind auch die Strukturen unterschiedlich. Hier gilt es adaptiv zu reagieren. Wenn Kunden nicht sicher sind, ob mit ihrer Struktur der Abfälle durch das Recycling das gewünschte qualitativ hochwertige Regranulat erzeugt werden kann, können sie ihre Abfälle zu uns ins Customer Center nach Ansfelden schicken und wir testen dies dann. Das Customer Center ist somit ein wesentlicher Aspekt, der die Kaufentscheidung für unsere Maschinen positiv beeinflussen kann.

Unsere russischen Kunden nutzen diese Möglichkeit gerne, da sie oft der Meinung sind russischer Abfall sei „viel dreckiger“ als europäischer und somit Skepsis herrscht welche Resultate durch das Recycling erwartet werden können.

Somit fungiert das Customer Center als Lernzentrum sowohl für unsere Kunden als auch für EREMA selbst.


iliev

Kalojan Iliev ist bei EREMA Geschäftsführer für Russland und betreut in dieser Position auch die GUS-Staaten mit. Vor der Gründung einer eigenen Tochtergesellschaft in Russland war er bereits als Vertriebsmanager für die Region tätig.

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