Wie Russland sein Müllproblem in den Griff bekommen möchte

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Zu Jahresbeginn trat in Russland eine Reform der kommunalen Abfallwirtschaft in Kraft. Landesweit soll ein neues Abfallmanagementsystem eingeführt werden.

Bisher landeten 85-90% des anfallenden Mülls unsortiert auf den über 22.000 Mülldeponien im Land. Die Recyclingquote betrug lediglich 5%; auch weil es landesweit nur etwa 60 große Müllsortieranlagen gibt. Der Großraum Moskau verursacht rund 1/5 des gesamten Müllaufkommens (Wedomosti, GTAI). Problematisch ist, dass die Deponien oftmals nicht die Sicherheitsanforderungen erfüllen was Untergrundabdichtung, Gaserfassung und Sickerwasserbehandlung betrifft. Bedingt durch den Rohstoffreichtum und eine Vielzahl an verfügbaren Flächen, wo Abfälle leicht deponiert werden können, waren die Anreize in Bezug auf das Thema Recycling in der Vergangenheit zu gering. Auch fehlendes Know-how und mangelnde finanzielle Mittel bremsten dementsprechende Aktivitäten aus (AHK).

In den Regionen werden künftig regionale Betreiber im Rahmen von Ausschreibungen ausgewählt, die dann für Sammlung, Transport, Aufbereitung, Recycling, Neutralisierung und Deponierung zuständig sind. RT-Invest, eine Tochtergesellschaft von Rostec und eben solch ein Betreiber, plant beispielsweise die Einführung eines separaten Sammelsystems für „schmutzige“ organische Abfälle, „saubere“ Abfälle wie Plastik, Papier und Pappe sowie „gefährliche“ Abfälle wie Batterien und Akkus. Ende 2019 soll so in 60% der Region Moskau Müll nach diesem Schema getrennt werden (Wedomosti). Präsident Wladimir Putin beschloss zwischenzeitlich per Dekret die Gründung eines einheitlichen Dienstleisters im Bereich Abfallwirtschaft (RBK).

Langfristig wird ein Großteil der Investitionen aufgrund des geringeren Kostenfaktors im Vergleich zu Verbrennungsanlagen in halb- beziehungsweise vollautomatische Sortieranlagen fließen. Bis 2024 sollen 210 solcher Verarbeitungsbetriebe für kommunale Abfälle entstehen. Bereits dieses Jahr nehmen die ersten von insgesamt 70 geplanten Öko-Technoparks ihre Arbeit auf. Mit ihnen wird die Gewinnung von Sekundärrohstoffen intensiviert (AHK).

Dass dieser Übergang zu einem neuen Abfallmanagementsystem alles andere als leicht ist, zeigen Berichte aus diversen Regionen. Im Dezember 2018 protestierten beispielsweise Bewohner aus Adygeja, Tatarstan, Archangelsk, Kirov, Moskau, Jaroslawl, Tambow, Krasnodar und Perm gegen den Bau neuer Abfallrecyclinganlagen und Deponien (Wedomosti). Ein Beispiel für aktuelle Proteste ist die Region Tjumen, in der die Bewohner ihrem Unmut über die Erhöhung der Entsorgungsgebühren um 30% Luft machen (Kommersant).

Während für die Bevölkerung der Schritt hin zu einem „saubereren“ Umgang mit der Müllthematik momentan häufig mit Ärgernis verbunden ist, ergeben sich insbesondere für im Maschinenbau tätige ausländische Unternehmen steigende Absatzpotenziale. Das russische Industrieministerium schätzt den Investitionsbedarf in der Entsorgungs- und Recyclingbranche nämlich auf 20 Milliarden € jährlich. Zu beachten sind jedoch die hohen Anforderungen was den Lokalisierungsgrad betrifft: Bei Müllverbrennungsanlagen beträgt er beispielsweise 55% (GTAI).

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