7Fragen: Die Managing Partner von QUORUS über die (Geschäfts-)Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland

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© QUORUS

Bei QUORUS handelt es sich um eine schweizerisch-russische Beratungsfirma mit Sitz in Zürich und einem Standort in Moskau. Das Unternehmen beschäftigt sich mit grenzüberschreitenden Projekten zwischen der Schweiz/Europa und Russland/Eurasien.

Im Interview sprechen die Firmengründer Evgeny Zhilin, Dr. Pierre Helg und Isabelle Ganz über die schweizerischen-russischen Geschäftsbeziehungen.

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  1. Russland nahm in 2017 in Bezug auf das Handelsvolumen Platz 26 der wichtigsten Handelspartner der Schweiz ein. Wie sehen Sie die künftige Entwicklung des Handels zwischen den beiden Ländern auch mit Bezug auf die Abkühlung der Beziehungen zwischen dem Westen und Russland?

Gemessen am in unseren Augen „brachliegenden Potential“ der bilateralen Handelsbeziehungen Schweiz-Russland, fällt das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern nach wie vor viel zu bescheiden aus. Dieser Umstand kann auf verschiedene Gründe zurückgeführt werden. Historisch gesehen hat die Schweiz in den letzten Jahrhunderten in Russland nur eine sehr verhaltene Präsenz gezeigt. Verantwortlich für diese Zurückhaltung waren und sind auch heute noch, unter anderem, sprachliche Hürden, kulturelle Unterschiede und teilweise stark verankerte ideologische Vorurteile.

Dennoch haben sich die bilateralen Handelsbeziehungen seit 1990 kontinuierlich entwickelt, und trotz den westlichen Sanktionen und der momentanen Abkühlung der Beziehungen zwischen dem Westen und Russland, sehen relevante Schweizer Wirtschaftsoperatoren zunehmend ein strategisches Interesse im russischen Markt und verfolgen daher eine zunehmend aktive Russlandstrategie. Das geringere Handelsvolumen ist zwar klar auf den seit 2014 geschwächten Rubel zurückzuführen. Dennoch öffnen die neue Seidenstraße sowie die Euroasiatische Wirtschaftsunion versprechende Perspektiven für die schweizerische Außenwirtschaft in Eurasien. Eine positive Entwicklung ist langfristig realistisch und sollte hier und jetzt gefördert und unterstützt werden.

  1. Wie können Sie mit Ihrem Unternehmen QUORUS einen positiven Beitrag zur Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen leisten?

QUORUS agiert nach dem Kredo „steter Tropfen höhlt den Stein“. Mittels einer proaktiven Sensibilisierung und Aufklärung und einer projektbasierten Unterstützung einzelner Pilotprojekte, verfolgen wir das Ziel, Player der Schweizer Wirtschaft über die positiven Realitäten der russischen Wirtschaft aufzuklären, Potential und Perspektiven aufzuzeigen und Erfolgsgeschichten zu lancieren, welche für sich selbst sprechen und Lust auf „Mehr“ machen. QUORUS ist proaktiv in spezifischen Gremien tätig und regelmäßig präsent an Veranstaltungen, bei welchen Russland ein Thema ist: zum Beispiel in Industrie- und Handelskammern verschiedener Kantone, in High-Level Veranstaltungen der Bankenwelt, an KMU-Treffen, mit den Medien, etc. Zudem sind unsere engsten Channel Partner und alle unsere Mitarbeiter sowohl im Büro Moskau als auch im Büro Zürich mit der Schweizer und der russischen Mentalität vertraut und agieren in ihren jeweiligen Einsatzbereichen als Botschafter für Russland respektive die Schweiz. Zusammen mit ihren zahlreichen und diversifizierten Kontakten ist QUORUS imstande, Missverständnisse und Vorurteile, welche die Wirtschaftsbeziehungen nutzlos komplizieren, zu minimieren oder sogar zu eliminieren und das gegenseitige Verständnis, Interesse und Vertrauen zu fördern. Ein Prozess, welcher nicht von heute auf morgen zu einem erfolgreichen Abschluss kommt, den nachhaltig zu unterstützen und fördern es sich jedoch lohnt.

  1. Wofür stehen die Schweiz allgemein und die Produkte dort ansässiger Unternehmen Ihrer Erfahrung nach in den Augen der Russen?

Schon in der Sowjetischen Periode, und auch heute noch, hatte und hat die Schweiz in Russland den Ruf eines neutralen Landes, das außerhalb der politischen Einflüsse und Manöver des Westens steht. So ist die Schweiz auch der einzige westliche Staat, der nach der „Integration der Krim“ in russisches Territorium keine formellen Sanktionen gegen Russland ergriffen hat. Ferner hatte und hat die Schweiz in Russland die Reputation, innovative, zuverlässige und hochqualitative Produkte, insbesondere aber nicht ausschließlich pharmazeutische Erzeugnisse (35-40% der Schweizer Exporte nach Russland), Maschinen und Werkzeuge (15-20%), landwirtschaftliche Produkte (8-10%), optische und medizinische Produkte (8-10%) sowie Uhrmacherwaren (8-10%) zu offerieren. Auch der Finanzplatz Schweiz, Schweizer Bankdienstleistungen, die Schweiz als Technologie Hub sowie das duale Schweizer Bildungssystem und Schweizer Privatschulen genießen in Russland ein hohes Ansehen.

  1. Mit welchen Eigenschaften und Produkten können Russland und dort ansässige Firmen in der Schweiz punkten?

Traditionell importiert die Schweiz von Russland vor allem Edelsteine, Edelmetalle und Bijouterie (80-90% der russischen Exporte in die Schweiz). Weitere Exportgüter von Russland in die Schweiz sind Energieträger (4-6%), Landwirtschaftsprodukte (3-5%) und Kunststoffe/Kautschuk (1-2%). Zudem sind viele russische Firmen in der Schweiz vertreten, um Rohstoffe (Öl, Gas, Gold, Diamanten, Agrarprodukte, etc.) zu handeln (Trading). Im Technologie und IT-Bereich verzeichnet Russland eine rasante Entwicklung und mausert sich dadurch kontinuierlich zu einem interessanten Partner für Schweizer Wirtschaftsoperatoren, unter anderem in den Bereichen nukleare Forschung, MedTech und Bleeding-edge Technologies wie Distributed Ledger (DLT) oder Blockchain.

  1. Wo sehen Sie noch ungenutzte Potenziale was die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern angeht?

Insbesondere sehen wir im sogenannten Clean Technologie Bereich, wie zum Beispiel der Aufbereitung von Siedlungsabfällen noch nicht abgeschöpftes Potential in der Zusammenarbeit zwischen Schweizer Anbietern von Technologien im Waste Mangement und Russischen Städten und Munizipalitäten. Ganz allgemein kann festgehalten werden, dass von 50.000 Schweizer KMUs, die im Ausland tätig sind, nur ungefähr 200 in Russland vertreten sind, während 9.000 deutsche kleine und mittlere Unternehmen in der russischen Föderation aktiv und erfolgreich einer Tätigkeit nachgehen. Folglich sehen wir im russischen und postsowjetischen Markt beträchtliches noch ungenutztes Potenzial für innovative und nicht risikoaverse Schweizer KMUs. Last but not least, auch der Tourismus in beide Richtungen, insbesondere jedoch in den russischen Regionen, ist noch weit von seiner Blüte entfernt.

  1. Welche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit russischen Partnern sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Auf den ersten „schweizerischen Blick“ erscheinen russische Partner manchmal ernst, distanziert und gleichgültig. Geduld fördert jedoch gemäß unserer Erfahrung in nicht seltenen Fällen das wahre Gesicht der russischen Partner zu Tage und diese enthüllen sich nach einiger Zeit meistens als hochgebildete, großzügige, herzliche und gastfreundliche Personen. Was die Geschäftsbeziehungen angeht, kann man sagen, dass in Russland (viel) Zeit investiert werden muss, um Vertrauen zu schaffen. Konnte jedoch mit persönlichem Engagement eine Vertrauensbasis hergestellt werden, kann und darf man sich auf eine warmherzige Atmosphäre und eine seltene Loyalität einstellen. Für ein nachhaltiges Engagement in Russland beruflich und persönlich lohnt es sich, echte Partnerschaften sorgfältig aufzubauen, zu pflegen und so solide und langfristige Geschäftsbeziehungen zu kreieren, die in den meisten Fällen in einem Gewinn für alle Parteien resultieren.

  1. Mit 781 Schweizern in 2017 leben im Vergleich mit der Anzahl an Deutschen (700.000) verhältnismäßig wenige Personen in der Russischen Föderation. Inwieweit besteht eine aktive Community und wie erfolgt der Austausch untereinander?

Historisch gab es wichtige Anknüpfungspunkte zwischen der Schweiz und Russland: Schweizer Architekten haben die Kremlmauern in Moskau konzipiert, die Kathedrale Pierre und Paul in Sankt Petersburg gezeichnet und ganze Viertel der Stadt Moskau nach dem durch die Präsenz von Napoleon provozierten grossen Brand wieder hergestellt. Viele Zaren und Mitglieder des russischen Adels wurden von Schweizer Hauslehrern erzogen. Lenin hat 17 Jahre seines Lebens in der Schweiz verbracht und in den Schweizer Bibliotheken die bolschewistische Revolution vorbereitet. Berühmte russische Industriekapitäne wie Dmitri Rybolovlev, Gennadi Timchenko, Viktor Vekselberg oder Nikolay Fartushnyak haben die Schweiz als Außenposten im Westen gewählt. Heute sind die Beziehungen zwischen den beiden gegensätzlichen Ländern dicht und konstruktiv. Nichtsdestotrotz stimmt es, dass die Zahl der Schweizer in Russland und umgekehrt, immer bescheiden war und auch heute noch bescheiden ist. Dato sind „nur“ cirka 15.000 Russen in der Schweiz immatrikuliert. Aber, die im jeweils anderen Land bescheidene Diaspora beinhaltet sowohl auf Schweizer als auch auf russischer Seite einflussreiche Persönlichkeiten, welche hervorragend integriert sind und welche als eloquente „Botschafter“ ihres Landes im jeweils anderen Land aufzutreten vermögen.


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Von links nach rechts: Evgeny Zhilin, Isabelle Ganz, Dr. Pierre Helg

Evgeny Zhilin war vor der Gründung von QUORUS als Jurist, Rechtsanwalt und Managing Partner bei einer bekannten russischen Kanzlei tätig. Dr. Pierre Helg ist ehemaliger Schweizer Botschafter in der Russischen Föderation; Isabelle Ganz arbeitete vormals ebenfalls für die Schweizer Botschaft in Moskau.

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