7Fragen: Matthias Schepp von der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer über das Russlandgeschäft und die Tätigkeit der AHK Russland

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Komplex Filigrad, in dem sich auch das neue AHK-Büro befindet

Die Aufgabe der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer liegt in der Interessensvertretung deutscher Unternehmen in Russland als auch russischer Unternehmen im Deutschlandgeschäft.

Im Interview spricht der Vorstandsvorsitzende der AHK Russland, Matthias Schepp, mit uns darüber, warum Russland für deutsche Unternehmen immer noch ein attraktiver Markt ist, wie sich die AHK Russland mittels moderner Arbeitsmethoden zukunftsfit macht und welchen Einfluss die Digitalisierung auf die AHK Russland hat.

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  1. Wie würden Sie die aktuelle Situation der in Russland tätigen deutschen Unternehmen beschreiben?

Unsere knapp 900 Mitgliedsunternehmen verdienen im Schnitt immer noch gutes Geld. Das zeigt unsere aktuelle Geschäftsklimaumfrage. Vor allem aber wachsen sie stärker als der Markt oder – wenn sie so wollen – gegen den Markt. Denn die Gesamtkonjunktur in Russland lahmt und die Sanktionen hemmen die Entwicklung zusätzlich. So belaufen sich die geplanten Gesamtinvestitionen der Firmen für 2019 auf insgesamt fast 630 Millionen Euro, das ist deutlich mehr als im Vorjahr 2018 und lässt hoffen, dass die Netto-Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in Russland auch in 2019 weiter hoch bleiben. Die Bundesbank hat diese für das Jahr 2017 auf knapp 1,6 Milliarden Euro beziffert. Für 2018 steht die endgültige Zahl noch aus, nach den ersten drei Quartalen betrug sie über zwei Milliarden Euro.

  1. Wodurch punktet die Russische Föderation als Absatzmarkt bzw. Standort trotz schwachem Wirtschaftswachstum, Sanktionen und Überbürokratisierung?

Der schwache Rubel macht seit einigen Jahren Neuinvestitionen in Russland ebenso attraktiv wie den Export aus Russland heraus. Früher bestand der Export fast ausschließlich aus Öl, Gas, anderen Rohstoffen, Waffen und Atomkraftwerken. Heute exportiert beispielsweise Volkswagen jedes vierte in Russland produzierte Auto. Der größte Flächenstaat der Erde bietet mit mehr als 140 Millionen Einwohnern ein beträchtliches Marktpotenzial. Dazu kommen noch die Mitgliedsländer der EAWU mit insgesamt 184 Millionen Einwohnern. Der Modernisierungsbedarf in Russland und den anderen EAWU-Ländern ist nach wie vor gewaltig. Und trotz Sanktionen und häufiger Wechselkursschwankungen profitieren davon nach wie vor auch deutsche Unternehmen. Auch das freudige Konsumverhalten der Russen und ihre Offenheit für neue Technologien und Gadgets wird von unseren Firmen eindeutig als Marktvorteil eingeordnet.

  1. Was ist die größte Herausforderung bei Ihrer Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer?

Die wechselseitigen Sanktionen haben in den deutsch-russischen Beziehungen eine regelrechte Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Deutschland ist für die Russen aus der Rolle des Lieblingspartners herausgefallen und anders als manch andere europäische Regierung neigen wir Deutschen dazu, die Sanktionen nicht nur zu erfüllen, sondern sie überzuerfüllen.

  1. Wie sieht eine typische Arbeitswoche bei Ihnen aus und wie schaffen Sie sich einen Ausgleich zum Job?

Ich bin seit Jahrzehnten bekennender Workaholic und liebe, was ich tue. Zweimal in der Woche mache ich in der Früh ab 7 Uhr Sport. Fernreisen mit meiner Familie und engen Freunden und das gern auch in vergleichsweise extreme Länder und Regionen sind ein Lieblingshobby. Ich mag Literatur und habe sowohl zu Hause als auch in meinem Jugendzimmer in meiner Heimatstadt Mainz als auch in meinem AHK-Büro in Filigrad eine Vielzahl von Büchern. Leider, leider bleibt nicht viel Zeit zum Lesen.

  1. Welche Trends werden die Arbeit der AHK mittelfristig beeinflussen?

Als bilaterale Deutsch-Russische Auslandshandelskammer stellen wir die Trends im Markt früh fest. Einer dieser Trends ist die Digitalisierung. Sie ist tief in alle Bereiche der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens vorgedrungen – viel weiter als das in Deutschland der Fall ist. Das wirkt sich natürlich stark auf die Arbeit der Organisationen und Verbände aus. Die Menschen wollen direkt kommunizieren, ihr Ansprechpartner muss immer erreichbar sein und schnell Lösungen liefern können. Das fordert und fördert gleichzeitig. Deshalb sind wir vor kurzem in ein eigenes, hochmodernes Büro am neuen Standort Filigrad in Moskau umgezogen. Das stärkt unsere Kapazitäten, so dass wir unsere Mitglieder auch in Zukunft schnell und kompetent beraten werden.

  1. Die AHK verfolgt eine agile Arbeitsweise. Weshalb hat sich die AHK für diese Arbeitsform entschieden und was sind die Vorzüge – auch für Ihre Kunden?

Wenn Wirtschaftsverbände erfolgreich sein wollen, müssen sie wie die Wirtschaft und nicht wie eine träge Bürokratie arbeiten. Dabei helfen moderne Management-Tools. Agilität bedeutet kontinuierliche und enge Abstimmung zwischen und in den Abteilungen. Mitarbeiter übernehmen mehr Verantwortung für ihre Bereiche, weniger muss oben entschieden werden. Agile verbessert das Teamwork und fördert die Qualität. Es steigert Produktivität und Motivation, Zeitvorgaben werden besser eingehalten, was der AHK dabei hilft, schneller und flexibler auf Anfragen und Veränderungen zu reagieren. Die Abteilung „Markteintritt und Delegationsreisen“, die als erstes Agile eingeführt hat, konnte ihren Umsatz um 40 Prozent steigern, hat seitdem jede Ausschreibung gewonnen und ist dafür beim Innovationswettbewerb unter weltweit 140 AHKs mit der Goldmedaille belohnt worden.

  1. Welches Resümee ziehen Sie nach fast drei Jahren als Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer?

Anders als andere ausländische Wirtschaftsverbände wachsen wir kräftig – und zwar um insgesamt zehn Prozent in den vergangenen zwei Jahren. Wir haben uns da von der Tatkraft und dem Mut unserer Mitgliedsunternehmen anstecken lassen und wachsen wie viele dieser Firmen gegen den Markt.

Wir haben eine Reihe neuer und innovativer Formate eingeführt wie das Morgentelegramm, das exklusiv für unsere Mitglieder und Kunden bestimmt ist, den Diskussionsclub „AHK U40“, „Um die 40“, in dem sich junge, perspektivreiche Manager vierteljährlich treffen und zu dem auch Nicht-Mitglieder stoßen können, wenn sie die Kriterien erfüllen. Bei der Besetzung von Abteilungsleiterstellen setze ich bevorzugt auf Kandidaten direkt aus der Wirtschaft. Wir sind ein Unternehmensverband. Mein Akzent liegt aber auf „unternehmen“. Ich möchte eine schnelle und nicht allzu bürokratische AHK. Intern setzen wir auf die Modernisierung und Digitalisierung.


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Matthias Schepp ist Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Russland. Zuvor war er als Korrespondent beziehungsweise Büroleiter bei den Magazinen Stern und Spiegel jeweils in Moskau tätig. Seine langjährigen Erfahrungen in der Millionenstadt schrieb er im Buch „Gebrauchsanweisung für Moskau“ nieder.

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