7Fragen: Grigory Ermakov von HomeStretch über Digitalisierung und Datenschutz in der Schweiz und Russland

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© HomeStretch

HomeStrech ist eine Applikation, mit der über GPS Daten zu Routen und Zeiten ausgetauscht werden. Es können auf effiziente Weise Routen geplant und Reportings betreffend KPIs erstellt werden.

Im Interview spricht Grigory Ermakov, General Direktor Russland bei HomeStretch, mit uns über Digitalisierung und Datenschutz in der Schweiz und in Russland.

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  1. Die Digitalisierung hat im Alltag in Russland bereits mehr Einzug gehalten als in vielen westeuropäischen Ländern (kontaktloses Bezahlen, etc.). Was sind aus Ihrer Sicht in Russland die größten Trends der kommenden fünf Jahre?

Wir gehen davon aus, dass E-Commerce auch in Zukunft enorm an Nutzern gewinnen wird. Beispielsweise hat das Marktvolumen für Expresszustellungen im Jahr 2016 um 11,8% zugenommen und lag über 57,8 Milliarden RUB. Ein großer Treiber dieses Wachstums war das B2C-Segment und zwar insbesondere die Zustellung von Internetpaketen. Wir gehen davon aus, dass sich ein Wachstum in diesem Bereich auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Zudem rechnen wir damit, dass auch Food Deliveries sowohl von Restaurants als auch von Supermarktketten weiterhin stark zunehmen werden. Für den Endkunden wird hier von Relevanz sein, dass er die Ankunftszeit der Lieferungen kennt. Unsere App kann gerade in diesem Bereich hervorragend eingesetzt werden. Der Endkunde kennt mit Hilfe von HomeStretch die erwartete Ankunftszeit seiner Zustellung und sieht, wo sich der Kurier befindet.

Wir gehen auch davon aus, dass Apps, die dazu dienen, Kosten zu sparen, noch populärer werden. Diese Kosteneinsparungen können direkte Kosten wie Preiseinsparungen sein oder indirekte Kosten wie zum Beispiel Zeiteinsparungen. HomeStretch ist genau in dem Bereich tätig. Wir sind überzeugt, dass mit Hilfe unserer Softwarelösung Firmen in diversen Bereichen Kosteneinsparungspotentiale realisieren können: Sei es durch die effizientere Planung von Routen, effizienteren Einsatz des Personals, kostengünstigem Reporting und last but not least der gesteigerten Kundenbindung, da der Kunde weiß, wann seine Ware ankommt, er unkompliziert mit der Firma Kontakt aufnehmen kann und somit zufrieden ist.

Naheliegend ist auch, dass sich das Offering und der Service von Banken immer mehr digitalisieren werden.

  1. Wie ist es um die Digitalbranche in der Schweiz bestellt und welche Unterschiede sehen sie zu der in Russland?

Russland musste sich in den 90er und 00er Jahren überlegen, wie gewisse Aufgaben gelöst werden sollen, die vorher auf Grund des Systems gar nicht vorhanden waren. Deshalb konnte man schauen, was so quasi „der letzte Schrei“ auf dem Markt war, ohne sich überlegen zu müssen, wo man bereits investiert hatte oder welche Software man bereits benutzte. Dies hat natürlich den Vorteil, dass direkt auf einer modernen Technologie aufbaut werden kann.

Eindrücklich sieht man dies beispielsweise wenn man Parkgebühren in Zürich oder in Moskau bezahlt – ich meine hier natürlich nicht den offensichtlichen Preisunterschied! Wenn man in Zürich sein Auto parkt, geht man zum Parkautomaten und löst ein Ticket, welches man bar oder mit Karte bezahlt. In Moskau ist es üblich, per App zu bezahlen. Die Umstellungskosten in Zürich auf das Moskauer System wären enorm hoch, da ja bereits ein funktionierendes System besteht. Es ist aber verständlich, dass Moskau direkt eine App-Lösung gewählt hat, als die Stadt mit der Aufgabe konfrontiert wurde, wie das Bezahlen der Parkgebühr gelöst werden soll.

Da in der Schweiz Dinge „undigitalisiert“ lange gut funktionert haben und auch Gelder für nicht digitale Lösungen vorhanden waren, war die Schweiz nicht gezwungen, auf digitalisierte Lösungen umzustellen. Insofern denke ich, dass die Schweiz wohl nicht als Vorreiterin der weltweiten Digitalisierung bezeichnet werden kann. Es kann natürlich auch nicht generell von Russland gesprochen werden, ist der Vergleichspunkt aber Moskau, so ist dies eine bereits stark digitalisierte Stadt. In Moskau ist es inzwischen auch selbstverständlich, dass gratis WiFi ohne Passworteingaben zur Verfügung steht, was in Zürich durchaus nicht immer der Fall ist oder nur mit dem Erhalten von Passwörtern per SMS.

  1. Aus welchen Gründen haben Sie sich als Schweizer Unternehmen dafür entschieden, auch den russischen Markt mit Ihrer App zu bedienen?

Russland ist in unseren Augen sehr offen für App-Lösungen. In einer Stadt wie Moskau gibt es oft Verkehrsstaus. Bei einer optimierten Routenplanung ist es möglich zwei oder drei Termine mehr pro Tag zu realisieren als wenn man „einfach drauflosfährt“. Unsere App bietet ja auch eine Routenoptimierung an, welche Staus miteinbezieht.

Wir haben auch realisiert, dass in der Schweiz das Vertrauen in den Außendienstmitarbeiter größer ist als dies in Russland der Fall ist. Firmen in Russland möchten sicherstellen, dass der Außendienstmitarbeiter das Firmenauto für Geschäftszwecke der eigenen Firma benutzt und nicht nebenbei noch als Taxifahrer unterwegs ist oder damit auf seine Datscha fährt. In Russland werden zudem Kurierdienste und Food Deliveries rege genutzt, was wiederum wichtige Kundensegmente von HomeStretch sind.

Zudem ist klar, dass Russland rein von seiner Größe her ein interessanter Markt für uns ist.

  1. Für welche Anwendungsfälle haben Sie Ihre App vorwiegend konzipiert?

Für effiziente Routenplanung, Überwachung und Kontrolle von Mitarbeitenden und Fuhrpark. Eine Firma kann sogenannte KPI zum Beispiel im Verkauf digital erfassen und mit Hilfe unserer App auswerten, was sehr zeitsparend und somit effizienzsteigernd ist. Zudem bieten wir ein maßgeschneidertes Reporting fürs Management an.

Der Endkunde kann eine Lieferung real-time verfolgt und muss nicht mehr einen halben Tag blockieren, um sicher zu stellen, dass er bei Lieferung zu Hause ist, sondern er kriegt beispielsweise 30 Minuten vor Lieferung einen Link, mit Hilfe dessen er sieht, wann die erwartete Ankunftszeit seiner Lieferung am abgemachten Ort ist.

  1. Seit wann gibt es Ihre App und welche Branchen zählen zu Ihren Kunden?

Unsere App begannen wir 2016 zu entwickeln und seit 2017 steht sie im App Store und nun auch auf Google Play zum Download zur Verfügung.

Unsere Kunden sind Kurierdienste, Online-Shops, Dienstleistungsfirmen, Vertriebsabteilungen mit Außendienstmitarbeitern, Vertriebsgesellschaften, Speditionsunternehmen, Logistikunternehmen und Food Delivery Unternehmen. Unsere App kann aber auch für Schulen eingesetzt werden, wenn ein Schulbus Kinder abholt und die Eltern per App verfolgen möchten, wann der Bus in der Schule ankommt und wann er wieder am Abholungsort eintrifft.

  1. Welche Rolle spielt das Thema Datenschutz in Russland verglichen mit der Schweiz?

In beiden Ländern spielt der Datenschutz zurzeit eine große Rolle. Dies mag aber auch mit erfolgten Gesetzesänderungen zusammenhängen. Wir beobachten aber, dass der Datenschutz in Russland eher eine „formale“ Thematik ist und in der Schweiz zwar auch formale Aspekte beinhaltet, es aber vor allem auch darauf ankommt, wie dieser gelebt wird. Es kann gut sein, dass es zum Beispiel vom Gesetzgeber her möglich wäre, einen Außendienstmitarbeiter mit Hilfe unserer Software während der Arbeitszeit in der Schweiz zu „tracken“, dies aber von der Unternehmenskultur her nicht erwünscht ist.

Deshalb kann HomeStretch auch maßgeschneidert auf die jeweilige Firmenkultur angewandt werden, indem beispielsweise die Firma den genauen Weg der Außendienstmitarbeiter gar nicht erfassen will, sondern einfach wissen will, wie viele Kundenbesuche pro Tag erfolgt sind, wie lange diese gedauert haben, ob dieses regional gut abgedeckt wurden etc. Wir sehen auch in anderen europäischen Ländern die Nachfrage nach einer Softwarelösung, welche maßgeschneidert auf die jeweilige Firmenkultur eingesetzt werden kann und sich nicht bloß am gesetzlichen Rahmen orientiert.

  1. Das Qualitätssiegel “made in Germany” hat in den letzten Jahren durch die Häufigkeit der Verwendung und die fälschliche Kennzeichnung chinesischer Fake-Produkte damit an Wirkungskraft verloren. Sie werben mit dem Slogan “HomeStretch – Reliable and precise like a Swiss watch!” Wie sieht es hier aus?

Wir sehen hier klar das Qualitätssiegel „Schweiz“ als Vorteil für unsere Marke. Die Schweiz wird auch heute noch als sehr zuverlässige Partnerin wahrgenommen, hatte keinen größeren „Datenleak“-Skandale zu beklagen und wir sehen, dass unsere Kunden es schätzen, dass wir eine Schweizer Firma sind. Russen besuchen die Schweiz nicht nur um Ferien zu machen, sondern auch, wenn es um sehr persönliche Angelegenheiten wie die eigene Gesundheit oder persönliche Vermögenswerte geht. Es ist jetzt nicht so, dass unsere Software hochsensible Daten weiterverarbeitet, aber dennoch sehen wir, dass insbesondere auch russische Kunden sich mit einer Schweizer Firma sehr komfortabel fühlen.


foto grigory_jan2019

Grigory Ermakov ist General Direktor Russland bei HomeStretch und in dieser Position für die Leitung des Russlandgeschäfts zuständig.

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