7Fragen: Isabella Pipal von PIPAL ILG über die russische Rechtsbranche und die Gründung ihrer eigenen Kanzlei

Titelbild_7Fragen_Pipal

Die Rechts- und Unternehmensberatung PIPAL ILG betreut ihre Klienten bei der Expansion nach Russland bzw. Österreich. Teil des Portfolios sind unter anderem Beratungsleistungen zu Unternehmens-, Vertrags- und Markenrecht sowie die anwaltliche Vertretung vor Gericht.

Im Interview spricht die Gründerin und Geschäftsführerin Isabella Pipal mit uns über die Rechtsbranche in Russland sowie die österreichische Business-Community in Moskau.

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  1. Wie gingen Sie vor, als Sie sich entschlossen haben ein eigenes Geschäft in Russland aufzubauen?

Nachdem der Entschluss gefallen war, ein eigenes Geschäft in Russland aufzubauen, recherchierte ich zunächst, worauf es bei einer selbständigen Tätigkeit ankommt, was es zu berücksichtigen gilt und welche typischen Anfängerfehler ich vermeiden kann. Ich las einschlägige Literatur und sah mir zahlreiche Videobeiträge von erfolgreichen Selbständigen an. Parallel dazu erstellte ich einen Businessplan und erarbeitete unsere Corporate Identity. Da ich bereits zuvor in Russland gelebt und in Kanzleien gearbeitet hatte, interessierte mich weniger der technische Vorgang der Gründung, sondern für mich stand die Kundenakquise im Vordergrund. Ich begann mich in meinem Heimatbundesland Vorarlberg nach potentiellen Kundinnen/Kunden umzusehen und alle Unternehmen zu kontaktieren, bei denen ich einen Russlandbezug feststellte. Rasch war klar, dass es ohne entsprechende Kontakte relativ schwierig war, zu den entscheidungsberechtigten Personen vorzudringen, daher wandte ich mich an alle Unternehmer und Personen im Top-Management in meinem Bekanntenkreis und präsentierte ihnen mein Konzept. Diese verschafften mir weitere wertvolle Kontakte und wir konnten den ersten Kunden akquirieren. Später, nachdem wir bereits einige Referenzprojekte erfolgreich abgewickelt hatten, stellte ich mich beim AußenwirtschaftsCenter der Wirtschaftskammer Österreich in Moskau vor und wurde in die Liste der Vertrauensanwälte aufgenommen. Die Kooperation mit dem AußenwirtschaftsCenter trug und trägt dazu bei, dass sich Kundinnen/Kunden für uns entscheiden.

  1. Welchen Herausforderungen sehen Sie sich aktuell in Ihrer Tätigkeit gegenüber?

Der schwache Rubel trägt dazu bei, dass die Kaufkraft sinkt und weniger Geschäfte mit europäischen Unternehmen zustande kommen, somit geht die Zahl der Vertragsabschlüsse zurück und es wird weniger Rechtsberatung in Anspruch genommen. Die politischen Unstimmigkeiten zwischen Russland und dem Westen tragen nicht zur Verbesserung der wirtschaftlichen Beziehungen bei, ich stelle fest, dass viele Unternehmen sich nicht an den russischen Markt herantrauen. Umso mehr freut es mich, dass der Großteil unserer Kunden ein erfolgreiches Jahr hinter sich hat, woraus der Schluss gezogen werden darf – wer in Russland langen Atem beweist und hartnäckig bleibt, reüssiert.

  1. Wie stellt sich der Markt im Bereich Rechtsberatung derzeit in Moskau bzw. Russland dar und welchen Mehrwert liefern Sie Ihren Klienten im Vergleich zu Wettbewerbern?

Nach wie vor gibt es viele Kanzleien, die ebenfalls deutschsprachigen Background haben und die bereits lange in Russland tätig sind. Es gibt jedoch nur sehr wenige Kanzleien mit Bezug zu Österreich. Als Österreicherin kann mir das einen Vorteil bei der Akquise von österreichischen Kunden verschaffen, wobei das weder ein Garant ist, noch bedeuten soll, dass wir weniger mit Schweizer, deutschen oder anderen europäischen Unternehmen zusammenarbeiten.

Unser Mehrwert besteht darin, dass Kunden aus unserer Leistung Gewinn ziehen, sei es, indem wir steuerliche Vorteile aufzeigen, die sie nutzen können, indem wir bei Vertragsverhandlungen gute Konditionen für sie erzielen oder indem wir sie bei der Realisierung ihrer Projekte in der russischen Gegebenheit unterstützen, was ihnen Zeit erspart. Kunden sollen sich bei uns gut aufgehoben fühlen, wir legen Wert auf persönliche Betreuung, daher stehe in der Regel ich selbst als Ansprechpartnerin zur Verfügung und kommuniziere direkt mit den europäischen Muttergesellschaften ebenso wie mit den russischen Niederlassungen.

  1. Welche Beratungsschwerpunkte in der Rechtsberatung werden von ausländischen Kunden mit Tätigkeit in Russland besonders stark nachgefragt?

Ich bemerke, dass in den vergangenen Jahren verstärkt schon vor Geschäftsabschluss gemeinsam mit Juristen eine optimale Lösung für alle Parteien erarbeitet wird und man sich nicht nur in Streitfällen Rechtsberatung sucht. Ausländische Kunden legen grundsätzlich Wert auf vertragliche Absicherung, unabhängig vom Rechtsgebiet. Die Gesellschafter eines Joint Ventures definieren ihre Rechte und Pflichten genauso wie die Parteien eines Miet- oder Liefervertrags. Im Jahr 2018 wurden Kooperationsvereinbarungen, Importverträge, Lizenzverträge zur Gewährung von Nutzungsrechten an Marken oder Software, Arbeitsverträge und Serviceverträge stark nachgefragt. Des Weiteren wurden wir mehrfach mit der Führung von außergerichtlichen Verhandlungen und mit der Vertretung vor Gericht beauftragt.

  1. Seit Januar 2018 gibt es in Österreich die Frauenquote für Aufsichtsräte. Wie wird in Russland mit dem Thema weibliche Führungskräfte umgegangen und welche Erfahrungen machten Sie selbst als Gründerin und Geschäftsführerin von Pipal-Ilg?  

Ich habe den Eindruck – ohne die Zahlen zu kennen – dass Russland in Bezug auf weibliche Führungskräfte fortschrittlicher ist als Österreich. Zwar trifft auch in Russland zu, je höher die Position desto unwahrscheinlicher bekleidet eine Frau diese, dennoch lese ich regelmäßig von Frauen im Top-Management. Dadurch, dass in der Sowjetunion jede und jeder arbeiten musste, war man daran gewöhnt, dass Mütter, Großmütter, Schwestern und Tanten berufstätig waren. Es ist daher auch heutzutage in Russland nicht unüblich, dass Frauen arbeiten und erfolgreich Karriere machen. In Russland schätze ich die Zusammenarbeit mit Frauen sehr, da sich diese in meiner bisherigen Berufstätigkeit hier als konzentrierter, verlässlicher und engagierter erwiesen haben. Mir sind schon einige Frauen in Führungspositionen begegnet, die sich innerhalb eines Augenblicks mit sachlichen, aber klaren Worten, einer entsprechenden Intonation und Körperhaltung absoluten Respekt verschaffen können. Ich denke, auch in Russland werden weibliche Führungskräfte strenger beurteilt als männliche und wer es ins Top-Management geschafft hat, hat Kompetenz und Durchhaltevermögen bewiesen und muss tagtäglich aufs Neue bestehen.

Ich habe als Gründerin und Geschäftsführerin hauptsächlich positive Erfahrungen in Russland gemacht. Wenn sich mir gegenüber jemand respektlos verhalten hat, stand dies oft mit schlechten Manieren und einer grundsätzlich fehlenden Achtung gegenüber Frauen in Verbindung. Das ist auch in Österreich schon vorgekommen.

  1. Sie haben bereits sowohl in St. Petersburg als auch in Moskau in internationalen Kanzleien gearbeitet. Inwiefern unterscheiden sich die beiden Städte die Geschäftswelt betreffend?

Es ist nun schon 10 Jahre her, dass ich in St. Petersburg tätig war, die Geschäftswelt hat sich dort bestimmt verändert. Wenn ich dennoch einen Vergleich ziehe, gab es im Gegensatz zu St. Petersburg in Moskau stärkeren Konkurrenzkampf, außerdem herrscht in Moskau um einiges mehr Hektik als in St. Petersburg. Es ist deutlich spürbar, dass Moskau viel größer ist als St. Petersburg. Ich habe das Gefühl, dass in Moskau jeder seine Wege so rasch wie möglich zurücklegen möchte, alle rennen von A nach B nach C, um dann abends erschöpft nach Hause zu kommen, während man sich in St. Petersburg mehr Zeit lässt, seine Umgebung bewusster wahrnimmt und dadurch weniger gestresst durch den Tag geht.

  1. Wie steht es um die österreichische Community in Moskau?

Die österreichische Community in Moskau ist recht aktiv. Es gibt neben der österreichischen Botschaft und dem AußenwirtschaftsCenter Moskau verschiedene Veranstalter, die regelmäßig zu Networking-Zusammenkünften laden, die meist gut besucht sind. Ich gehe gerne auf diese Veranstaltungen, da mir der Austausch wichtig ist, außerdem eignen sie sich, um den Kontakt zu den Kunden zu pflegen und neue Kontakte zu knüpfen.


isabella-pipal-_copyright_konstantin_ammann

Mag. Isabella Pipal gründete zusammen mit Dr. Ekaterina Ilg die Rechts- und Unternehmensberatung PIPAL ILG. Geboren in Österreich, bereiste sie bereits während ihres Studiums der Slawistik und der Rechtswissenschaften Russland und war danach bis zur Gründung ihrer eigenen Firma bei internationalen Kanzleien in St. Petersburg und Moskau tätig.

 

© Konstantin Ammann

 

 

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