7Fragen: Oliver Hammer von ISG über den Arbeitsmarkt in Russland

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© ISG

Die International Service Group (ISG) ist ein Komplettanbieter im Bereich Personalfragen. Zum Portfolio zählen Dienstleistungen in der Personalsuche, Qualitätszeitarbeit sowie im Training und der Personalentwicklung.

Im Interview spricht der Geschäftsführender Gesellschafter der ISG Personalberatung in Russland und CIS, Oliver Hammer, mit uns unter anderem über die Anforderungen russischer Arbeitgeber an ihr Personal und welche Faktoren für russische Arbeitnehmer heutzutage im Joballtag eine besondere Rolle spielen.

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  1. Wodurch ist der russische Arbeitsmarkt gekennzeichnet?

Wie immer ist Russland einfach zu groß und vielfältig, um hier allgemeine Aussagen machen zu können. Die Unterschiede zwischen dem Arbeitsmarkt in den Millionenstädten Russlands, untereinander sind oft schon groß – verglichen mit den Regionen liegen da oft Welten.

Während in der Hauptstadt Moskau das offizielle monatliche Brutto-Durchschnitts-Einkommen in 2017 laut Rosstat mit 66.880 RUB beziffert wird, liegt dieses zum Beispiel in St. Peterburg bei 45.430 RUB, in Krasnodar bei 25.850 RUB, in Tver bei 20.130 RUB und in Novosibirsk bei 17.600 RUB.

Fakt ist zudem, dass der Anteil der staatlich kontrollierten Unternehmen zunimmt und so mehr und mehr Arbeitskräfte indirekt durch den Staat beschäftigt werden. Hier kann sich jeder selbst ausmalen, welche Konsequenzen dies für die Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit, die Gehälter und die Entwicklung des Mittelstandes in Russland hat.

Die Sanktionen des Westens machen der russischen Wirtschaft, und somit auch dem Arbeitsmarkt, natürlich ebenso zu schaffen – bergen gleichzeitig jedoch auch Potential. Als Beispiel sei hier der Agrarsektor genannt.

Vor allem in den folgenden Sektoren sind aktuell, aus unserer Sicht, positive Entwicklungen zu sehen und der Trend sollte in den kommenden Jahren anhalten:

  • Landwirtschaft
  • Rüstung
  • Roboter- und Automatisierungstechnik
  • IT
  • E-Commerce
  • Gesundheitswesen
  • Produktionsstätten generell (Import-Substitution)

Negative Entwicklungen (Entlassungen) sind in folgenden Bereichen zu vermelden:

  • Banken & Versicherungen
  • Pharmaindustrie (ausländische Firmen in der Russischen Föderation)
  • Immobilien & Tourismus
  • Öl, Gas & Energiesektor
  1. Welche Anforderungen haben Arbeitgeber in Russland an Bewerber und Mitarbeiter?

Wie überall auf der Welt sind gut qualifizierte Mitarbeiter mit Entwicklungspotential und Motivation das „A und O“ für Unternehmen – und auch hier in Russland oft Mangelware.

Aus unserer Erfahrung, achten mehr und mehr Arbeitgeber vor allem auf

  • Soft-Skills,
  • Fremdsprachkenntnisse,
  • praktische Erfahrungen und
  • Aspekte wie Loyalität sowie Pro-Aktivität

Auch viele rein russische Unternehmen schätzen es mehr und mehr, wenn ein Bewerber/Mitarbeiter bereits zuvor im Ausland studiert und/oder gearbeitet hat.

Die Themen Mobilität und Flexibilität sind für russische Arbeitgeber zudem häufig sehr wichtig, vor allem aufgrund der Größe des Landes, der viele Zeitzonen usw.

  1. Inwieweit unterscheiden sich die Qualifikationen über die russische Bewerber verfügen von denen deutschsprachiger Kandidaten?

Ich würde meinen, im deutschsprachigen Raum, ist die Praxisorientierung bei Studierenden durchschnittlich zumeist höher, als in Russland. Da die duale Ausbildung in Russland noch in den Kinderschuhen steckt, und das vorhandene Berufsausbildungssystem (in Russisch = College) oft nicht wirklich hohen Standards genügt sowie oft einen schlechten Ruf hat, sind in Russland zudem relativ gesehen, sehr viele Akademiker/Studierende unterwegs. Dies hat sicher auch einen Einfluss (negativ) auf die Qualifikation (Niveau) insgesamt.

Das Praktikum (Praxissemester), ein Auslandsemester und gute Englisch-Kenntnisse bekommen auch in Russland eine immer wichtigere Bedeutung, während diese in Europa mittlerweile fast schon selbstverständlich erscheinen.

Die Soft-Skills bei Studienabgängern sind aus meiner Sicht in Russland durchschnittlich weniger gut ausgeprägt als zum Beispiel in Deutschland. Hier spielen mit Sicherheit die Themen Auslandssemester, interkulturelle Kompetenz und Praxiserfahrung eine wichtige Rolle.

  1. Welche Erwartungshaltung haben russische Bewerber an ihre künftigen Arbeitgeber?

Viele russische Bewerber möchten für eine ausländische Firma in Russland arbeiten und erwarten sich dadurch bessere Karrierechancen, eine bessere Entlohnung und Stabilität.

Grundsätzlich sind „gefragte Bewerber“ vor allem in den Ballungszentren recht anspruchsvoll und erwarten neben einem guten Gehalt/Bonus auch Dinge wie unter anderem:

  • Gutes Office und dementsprechende Lage
  • Lunch-Zuschlag
  • Fitnessklubbeitrag Erstattung/Zulage
  • Dienstwagen mit Privatnutzung-Option
  • Regelmäßige Events und Incentives des Arbeitgebers
  • Zusatzkranken- und Unfallversicherung zum Teil für die ganze Familie
  • Trainings
  • eventuell Kostenübernahme/-zulage für MBA Programme oder Ähnliches

Grundsätzlich würde ich meinen, dass russische Bewerber selbstbewusster und fordernder im Bewerbungsprozess sind.

  1. Welche Services bieten Sie in Russland an?

Wir helfen unseren Kunden, branchenübergreifend, vor allem bei der Personalsuche und -selektion in Russland und der GUS. Vor allem bei Schlüssel-Positionen und speziellen, raren Fachkräften ist dieser Prozess sehr wichtig und kritisch, um das Risiko einer Fehlbesetzung zu minimieren.

In diesem Zuge bieten wir unseren Kunden auch diverse Instrumente für die Bewerber-Analyse an, um Entscheidungen besser fällen zu können und zu verstehen, welche Bewerber am besten zu einem Unternehmen bzw. dem Team/Vorgesetzten passen.

Außerdem sind wir stark bei Themen wie „Sales Audit“ (Optimierung von Vertriebsabteilungen und Analyse der Ist-Situation), „HR Market Mappings“ (Wettbewerbsanalyse aus HR Gesichtspunkten) sowie Assessment von Bewerbern und Mitarbeitern.

  1. Weshalb entscheiden sich Kunden in Russland für eine Zusammenarbeit mit Ihnen?

Ich denke vor allem die Zuverlässigkeit, Schnelligkeit und hohe Qualität unserer ISG Services sind unseren Kunden sehr wichtig. Natürlich ist es für viele deutschsprachige Kunden zudem auch sehr komfortabel einen deutschen Ansprechpartner zu haben, der mit Rat und Tat zur Seite steht.

Zudem haben wir einige russische Kunden, die international tätig sind und unsere Herangehensweise und europäischen Ursprung schätzen.

  1. Was sind aus Ihrer Sicht die Besonderheiten der russischen Geschäftswelt im Vergleich zu westlichen Ländern?

Einige Fakten bezogen auf „HR“ sind u.a.:

  • Nur zwei Wochen Kündigungsfrist außer bei Geschäftsführern und Hauptbuchhaltern (vier Wochen)
  • 13% „Flat-Rate Einkommensteuer“ für natürlichen Personen
  • Arbeitgeber trägt alle Sozialversicherungsabgaben
  • 28 Kalendertage (vier Wochen) gesetzlicher Urlaub pro Jahr
  • Titel/Positionsbezeichnungen haben einen wesentlich höheren Stellenwert in Russland als in westlichen Ländern
  • Hohe Lohnunterschiede sowie zum Teil hohe Gehaltssprünge bei Arbeitgeber/Positionswechsel (20-30% keine Seltenheit)
  • Zum Teil sehr junge Führungskräfte

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Oliver Hammer ist Geschäftsführender Gesellschafter der ISG Personalberatung in Russland und CIS. Bereits seit 2005 lebt er in Moskau, wo er auch einen Teil seines Studiums absolvierte.

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