Mag. Rudolf Lukavsky von der Wirtschaftskammer Österreich über österreichisch-russischen Beziehungen, Innovation und die Arbeit als Wirtschaftsdelegierter

austria

Die Wirtschaftskammer Österreichs vertritt über 517.000 Firmen. In Moskau setzt sich die Österreichische Wirtschaftskammer (Advantage Austria) für eine zukunftsorientierte und wirtschaftsfreundliche Politik ein und unterstützt Österreichische Firmen bei Ihrem Geschäft in Russland, Weißrussland und Armenien. Außerdem bietet Advantage Austria Services sowie Beratung für die Unternehmer.


  1. Wie steht es aktuell um die österreichisch-russischen Beziehungen und wie sehen Sie die Entwicklung mittelfristig?

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Österreich haben sich laufend ausgeweitet. Der höchste Stand des bilateralen Handels wurde 2012 und 2013 erreicht, als die russischen Exporte 4 Mrd. Euro und die österreichischen Exporte 3,5 Mrd. Euro betrugen. 2015-2016 gab es schmerzhafte Rückschläge, konjunkturbedingt, aufgrund des Verfalls des russischen Rubels und der Sanktionen. Die österreichischen Exporte fielen um 46%. Bis 2018 stiegen die russischen Exporte wieder auf 3,5 Mrd. Euro, die österreichischen Exporte erreichten 2,1 Mrd. Euro. Bedeutsam ist auch der österreichische Dienstleistungsexport nach Russland mit über 1 Mrd. Euro, Beratungs- und Planungsleistungen sowie Tourismus. Das Potential auf eine weitere Ausweitung ist sehr groß, das Potential ist bei weitem nicht ausgeschöpft.

  1. Österreich ist stark exportorientiert. Welche Rolle spielt die Russische Föderation als Handelspartner?

Russland ist weiterhin ein wichtiger Handelspartner für Österreich und an 17. Stelle als Exportdestination und an der 12. Stelle importseitig. 2013 war Russland allerdings noch unter den Top-10 Handelspartnern. Österreichische Firmen exportieren Maschinen und Ausrüstungen für die russische Industrie, Energiewirtschaft, Bergbau und Landwirtschaft, aber auch Pharmazeutika, Metallwaren sowie Lebensmittel und Getränke. Russische Exporte nach Österreich sind Gas mit einem Anteil von 72%, weiters vor allem Metalle und Brennstoffe. Russland sieht Österreich als innovativen und interessanten Partner für die Modernisierung und Diversifizierung der Industrie, österreichische Technologie wird aufgrund seiner hohen Qualitätsstandards, Zuverlässigkeit und Service sehr geschätzt.

  1. Im European Innovation Scoreboard liegt Österreich 2018 im oberen Mittelfeld und wird als starker Innovator eingestuft. Mit welchen Faktoren punkten österreichische Unternehmen generell und auf dem russischen Markt?

Lagen die österreichischen Warenexporte zum Zeitpunkt des EU-Beitritts 1995 noch bei einem Volumen von nur 37 Mrd. Euro, so konnte im Jahr 2018 die 150-Mrd.-Schallmauer durchbrochen werden. Das war nur durch eine konkurrenzfähige und innovative Wirtschaft möglich. Österreich konnte von 2000 mit nur 1,89% seine Forschungs- und Entwicklungsquote bis 2017 auf 3,17% steigern und liegt damit in der EU hinter Schweden und vor Deutschland an zweiter Stelle. Österreichs hat im internationalen Vergleich relativ wenige Großkonzerne, ein großer Teil der Wirtschaftsleistung Österreichs wird von Klein- und Mittelbetrieben erbracht. In Österreich gibt es jedoch rund 180 „Hidden Champions“, die in Spezialbereichen weltweit und auch in Russland an der Spitze mitmischen. Diese, da meist der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt, punkten mit einer Fokussierung ihres Angebots und vermarkten dieses global. Mit hoher Innovationskraft, hochqualifizierten Mitbewerbern, einer fokussierten Strategie und Kundennähe sind sie weltweit vorne mit dabei.

  1. Welche Leuchtturmprojekte im bilateralen Handel sind für Sie besonders bezeichnend für die österreichisch-russischen Beziehungen?

Der Außenhandel zwischen Österreich ist nicht von Großprojekten getragen, sondern von einer Vielzahl kleinerer und mittlerer Projekte. Neben Zulieferungen an die russische metallurgische Industrie, die Papier und Holz verarbeitende Industrie, den Öl- und Gassektor, den Bergbau, die automotive Industrie und die Baustoffindustrie ist auch die Landwirtschaft und der Tourismussektor relevant, hier vor allem der Ausbau der Wintersportinfrastruktur. Österreich feierte 2018 sein 50-jähriges Jubiläum der Erdgaslieferungen aus Russland, das 1968 als erstes westliches Land mit langfristigen Gaslieferverträgen startete. Österreichische Firmen sind auch mit 6,2 Mrd. Euro bedeutende Investoren in Russland, vom Bankensektor über den Öl- und Gassektor, die Papier- und Holzindustrie, Baustoffindustrie, Energie und Automotive sowie Dienstleistungen.

  1. Sie sind bereits seit 1989 bei AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA beschäftigt. Wie hat sich Ihre Tätigkeit während dieser Zeit verändert und welche positiven/negativen Aspekte ergeben sich daraus im täglichen Doing?

Das Geschäftsleben hat sich in 30 Jahren maßgeblich verändert, nicht nur im Verhältnis mit Russland. War damals eine relativ kleine Zahl von österreichischen Firmen im internationalen Geschäft aktiv, ist heute durch die Globalisierung eine völlig andere Situation. Grundsätzlich sind zwar unsere Aufgaben die gleichen, ist es jedoch ist aufgrund starker Konkurrenz und offener Märkte noch wichtiger, schnell und direkt Geschäftskontakte aufzubauen und zu reagieren. Das Geschäft mit der Sowjetunion vor 30 Jahren und heute mit Russland ist allerdings in keiner Weise vergleichbar, hier geht es nicht mehr über zentralistische Strukturen, sondern direkt mit Kunden und Partnern aus allen Regionen Russlands. Gab es vor 30 Jahren zu wenig Informationen über Geschäftspartner, Projekte und Regionen, gibt es nun eine Informationsflut und es geht heute noch stärker darum seriöse und vertrauensvolle Partnerschaften aufzubauen. Und das ist auch das schöne und interessante heute in Russland, die Vielfalt und die Schönheit des Landes und der Menschen in den verschiedenen Regionen kennenzulernen, nicht nur in Moskau und St. Petersburg, sondern überall von Kamtschatka bis zum Kaukasus.

  1. Ihre bisherigen beruflichen Stationen führten Sie unter anderem nach Singapur, Johannesburg, Kairo, Bukarest und letztendlich nach Moskau. Welcher Aufenthalt hat Sie aus welchem Grund am nachhaltigsten geprägt?

Alle Stationen meiner Karriere haben mich geprägt und Erfahrungen im internationalen Geschäft gebracht. Nicht zuletzt deshalb, da keine Volkswirtschaft unabhängig von der Weltwirtschaft funktioniert, ist es besonders interessant gewesen zu sehen, was die Erfolgsfaktoren und Schwerpunkte der Wirtschaft in den verschiedensten Regionen der Welt sind. Jede Station hat mir gezeigt, welche Vorzüge und auch Schwierigkeiten es in den verschiedenen Ländern gibt. War es in Singapur die perfekte Infrastruktur und effiziente Verwaltung, in Südafrika die Vielfalt der Nationen und die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich, in Ägypten das kulturelle Erbe und die arabische Gastfreundschaft, war es für mich in Rumänien und Russland auf Grund gemeinsamer kultureller Verbindungen und ähnlicher Mentalitäten im europäischen Kontext leichter engere, persönliche Kontakte und auch Freundschaften aufzubauen.

  1. Für alle Interessenten, die ebenfalls eine Laufbahn als Wirtschaftsdelegierter einschlagen möchten: Welche Eigenschaften sind für die erfolgreiche Bewältigung der Aufgaben unabdingbar und welche Tipps können Sie mit auf den Weg geben?

Alle, die international erfolgreich und zufrieden arbeiten und leben wollen, müssen einerseits die entsprechende Flexibilität und Offenheit mitbringen, sich auf unbekannte und neue Situationen einzustellen, andererseits sich ihrer eigenen Stärken, Werte und ihres kulturellen Hintergrunds bewusst sein. Vorgefertigte Meinungen und Ansichten muss man laufend kritisch hinterfragen und einen engen und offenen Austausch mit dem Gastland in allen Beziehungen suchen, nicht nur im wirtschaftlichen Kontext, sondern auch kulturell und in zwischenmenschlichen Kontakten. Fremdsprachen zu lernen ist natürlich auch eine wichtige Grundvoraussetzung.


f-lukavsky15_02-e1557995993480.jpgMag. Rudolf Lukavsky begann seine Karriere bei der Außenwirtschaft Austria bereits im Jahr 1989 und ist mittlerweile seit fast drei Jahren der Leiter von Advantage Austria in Moskau. Zu seinen Aufgabengebieten gehören  Exporte, Marktunterstützung und Projektgeschäfte wie unter anderem Investitionsberatung, die Gründung von Niederlassungen und Standortanalysen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s